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Xanten
Chaos im Wald ergibt Sinn

Xanten: Chaos im Wald ergibt Sinn
FOTO: Evers Gottfried
Xanten. Der ehemalige grüne Patient atmet auf: Im Reichswald entwickelt sich vor allem der Bestand an Laubbäumen positiv. Das zeigt eine Landeswaldinventur. Von Peter Janssen

Urteile über den Wald sind schnell gefällt. Wer durch den Forst geht, sieht schließlich, wie es dort aussieht. Früher sei es im Reichswald ordentlicher gewesen, "da wurde hier noch aufgeräumt", heißt es oft. Dass die Aussage nicht falsch ist, bestätigt Hanns-Karl Ganser (63) - und er muss es wissen. Ganser arbeitet im Forstamt Wesel und war früher Leiter des Klever Fortsamts. Doch das Chaos hat einen Sinn. Totes Holz bleibt liegen, weil es voller Leben steckt, wichtig ist für Tiere und Pflanzen. Ja, es sieht wüst aus. Aber das ist gewollt.

Hanns-Karl Ganser hat sein halbes Leben im Reichswald verbracht, er wohnt mittendrin. Im Forst wird zwar in größeren Zeitspannen gerechnet als in Jahren. Dennoch kann der Förster nach drei Jahrzehnten beurteilen, auf welchem Weg sich der größte zusammenhängende Staatswald am Niederrhein befindet: Das ehemals gefährdete Biotop kann Luft holen. Ganser ist aber weit davon entfernt, in Euphorie zu verfallen. "Es gibt kein Waldsterben mehr, die Situation hat sich nicht verschlechtert. Trotzdem ist der Wald noch geschwächt", sagt der 63-Jährige. Er klingt wie ein Arzt, der seinem Patienten Hoffnung macht, wenn er sich streng an die Therapievorgaben hält. Der feuchte Sommer hat dem Wald geholfen, sagt er. Trockenheit kann schließlich zu Schädlingsplagen führen, die gerade junge Bäume bedrohen.

Es sind die Altlasten des Kriegs, die im Reichswald seit Jahrzehnten beseitigt werden. 1948/49 wurde abgeholzt, was der Forst hergab. Am Ende waren 15 Quadratkilometer gerodet, wo heute die Siedlungen Reichswalde und Nierswalde stehen. Weitere 4500 Hektar zerstörter und aufgelichteter Bestände wurden insbesondere mit Nadelhölzern wieder aufgeforstet. Vor allem Kiefern prägten die Vegetation. Ziel war und ist es inzwischen, den Anteil der Mischbestände zu erhöhen.

Mit Erfolg: Heute besteht der Reichswald zu 49 Prozent aus Laubbäumen. Vor allem Buche und Eiche sind wieder stärker vertreten. Die Populationen von Ahorn, Kirsche, Esskastanie, Weide, Eberesche und Birke wachsen. Ganser ist zufrieden, wenn er diese Entwicklung betrachtet. In 50 bis 60 Jahren stehe hier ein Laubwald, sagt er. Das war der Reichswald auch vor 1000 Jahren. Baumarten sollen wieder dort wachsen, wo sie hingehören.

Vorbild für den Waldumbau sind die Altbestände mit Buchen und Eichen, die im Naturschutzgebiet Geldenberg oder auch im Tiergartenwald stehen. 180 Jahre sind die Bäume alt und haben noch 70 Jahre und mehr bis zu ihrem Ableben vor sich. Die anschließende Zerfallphase wird am Geldenberg sichtbar. Hier wird nichts mehr weggeräumt, der Wald sich selbst überlassen.

Doch es gibt auch immer wieder Stellen, in denen Holz geschlagen wird. Dies geschehe aber nicht nur aus finanziellen Gründen, sagt Ganser. "Natürlich verdient der Landesbetrieb und damit das Land NRW damit auch Geld, aber es wird wesentlich weniger geerntet als nachwächst", sagt er.

Es wird selektiert, was der Säge zum Opfer fällt. Wenn sich etwa mehrere Bäume durch eine einzige Fällung besser entwickeln, so wird dieser eine Baum geschlagen. Die Holzgewächse werden gezielt ausgesucht. Wenn einzelne Bäume an bestimmten Standorten gefällt werden, so ist das nicht mit großflächigen Rodungen vergleichbar. Solche Wunden sind nicht zu heilen.

In diesem Jahr wird es eine starke Buchenmast geben. Diese wird teilweise für eine Buchennaturverjüngung genutzt. Die Menge der Früchte wirkt sich weiterhin positiv auf den ohnehin guten Schwarzwildbestand aus. "Es wird ein Fest für die Wildschweine", weiß Ganser. Etwa 150 Rothirsche und 200 Rehe sind im Reichswald unterwegs. Doch damit ist auch eine Gefahr verbunden. Es ist Brunftzeit, die Rehböcke laufen derzeit auch am Tag über Straßen. Die Wild-Warnanlagen funktionierten in der Vergangenheit, vorsichtig formuliert, nicht immer. Es habe technische Probleme gegeben, die jetzt jedoch behoben seien, so hofft Ganser.

In 17 Monaten nimmt Hanns-Karl Ganser Abschied. Von seinem Job, nicht vom Reichswald. Er will weiter mitten in diesem Wald wohnen bleiben. Auch als Pensionär wird er in einer schnelllebigen Zeit seine Pläne ruhig und gelassen angehen. Der Wald hat ihn gelehrt, nicht hektisch zu werden.

Quelle: RP
 
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