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Xanten
Die Faszination des Verfalls

Xanten. Unter dem Titel "Tales of Yesterday" stellt der Fotograf Sven Fennema erstmals in seiner Geburtsstadt Xanten aus. Er zeigt die Schönheit verlassener Orte. Von Beate Wyglenda

Das satte Rot bannt sofort den Blick. Rot wie die Energie, die Leidenschaft und das Leben sind die Wände der prachtvollen Diele in der Villa Branca. Feine Mosaikfliesen, ein Stuck verzierter Bogen und die gewaltigen Türen rechts wie links zeugen von Luxus und Extravaganz. Mitten im Raum: ein Treppenaufgang. Fast scheint es so, als wolle gleich jemand herunter kommen. Ein junges Mädchen vielleicht, hübsch gemacht und bereit für ihre Verabredung. Doch diese Treppe ist seit Jahrzehnten niemand mehr herabgestiegen. Auf den Absätzen befinden sich Schutt und Staub. Ein Geländer ist weggebrochen. Und das warme und lebhafte Rot der Wände bröckelt und schimmelt langsam hinweg. Leben herrscht hier schon lange nicht mehr. Es ist ein verlassener Ort - das Lieblingsmotiv von Sven Fennema.

Seit 2009 ist der autodidaktische Fotograf auf seinen Reisen quer durch Europa nun schon auf der Suche nach solch vergessenen Orten. Stillgelegte Industrieanlagen, verfallene Theater, aufgegebene Sanatorien und langsam vermodernde Villen hält er in seinen Bildern fest. "Es sind Orte, die fern der touristischen Sehenswürdigkeiten und abseits der Gesellschaft liegen, die unheimlich viel zu bieten haben und doch vergessen sind", sagte Fennema bei der Ausstellungseröffnung in der Evangelischen Kirche.

Trotz ihres Verfalls hätten diese Gebäude eine ganz besondere Schönheit, betonte der Künstler. "Und jedes von ihnen hat eine eigene Geschichte. Manchmal ist sie traurig, manchmal heiter." Die Villa Branca etwa steht exemplarisch für das Villen-Sterben im Kanton Tessin. Einst im Zuge des aufstrebenden Bürgertums des frühen 20. Jahrhunderts erbaut, fallen die heute leerstehenden Prachtbauten Rendite-Objekten zum Opfer.

"Es gab einen langen Kampf darum, die Villa als Weinbau-Museum unter Denkmalschutz zu stellen. Doch letztlich wurde sie zerstört, bevor ich sie noch einmal wiedersehen konnte", erzählte der gebürtige Xantener. Die Informationen, die Fennema über ein Gebäude hat, vor allem aber die Stimmung, die sie dem Künstler vermitteln, beeinflussen auch die Bildpräsentation.

"Ich nehme mir viel Zeit, einen Ort in Ruhe auf mich wirken zu lassen. So entstehen die ersten Ansätze für die Motivwahl und Bildkompositionen", erklärte er. Prachtbauten wie das Schloss des Wunderheilers Cesare Mattei im Bild "Night And Blue" oder das ehemalige deutsche Rittergut in "Under A Blue Sky" faszinieren vor allem durch ihren Kontrast aus Prunk und Verfall. Verlassene Psychiatrien, Waisenhäuser und Sanatorien wie im Bild "Stille" wirken dagegen durch ihre Eintönigkeit und Tristesse ergreifend.

Zur Verwendung kommt dabei nur natürliches Licht, wie der 33-Jährige betonte. Auch auf eine anschließende Farbbearbeitung verzichtet Fennema.

Die Evangelische Kirche kennt er genau. "Ich wurde hier sowohl getauft wie konfirmiert", bemerkte er. "Nun hier ausstellen zu dürfen, ist eine besondere Freude. Denn auch diese Kirche ist fern konventioneller Galerien ein Gebäude mit Flair und Charakter", so Fennema.

Quelle: RP
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