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Von Frau Zu Frau
Die Kinder vom Bauernhof

Von Frau Zu Frau: Die Kinder vom Bauernhof
Der Kuhstall ist unser Zuhause: Lena Dames (l.) möchte als Landwirtin den elterlichen Betrieb übernehmen. RP-Redaktionsleiterin Julia Lörcks ist nur noch zu Besuch auf dem Hof ihrer Eltern. FOTO: Christoph Reichwein
Xanten. Lena Dames (23) aus Alpen-Veen ist Tochter eines 50 Jahre alten Landwirtes. RP-Redaktionsleiterin Julia Lörcks (34) ist ebenfalls auf einem Bauernhof groß geworden. In Bedburg-Hau, um genau zu sein. Ein Gespräch über Kühe, Karriere und Co.

alpen Von Frau zu Frau, das sind Gespräche mit Frauen, die etwas zu erzählen haben. Junge Frauen, alte Frauen. Frauen, mit denen wir, die Frauen der RP-Redaktion Xanten/Rheinberg, in irgendeiner Form Parallelen haben.

Eine davon ist Lena Dames. Die 23-Jährige ist seit kurzem ausgebildete Landwirtin. Das sieht man ihr gar nicht an. Lena trägt eine schwarze Bikerjeans, Doc-Martens-Halbschuhe und ein weißes Levi's-Shirt. Ihre langen roten Haare sind geglättet, die Fingernägel kurz geschnitten, die Wimpern getuscht, dazu ein feiner, schwarzer Lidstrich über den Augen. Wir stehen im Kuhstall und sitzen bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer, das früher einmal die gute Stube des Bauernhauses war. Das alles ist mir nicht fremd - denn ich bin wie Lena ein Kind vom Bauernhof.

Mit den Kälbern fängt Lenas Arbeitstag an. Diese füttert sie um 8.30 Uhr. Danach kümmert sie sich um das Jungvieh im Stall. FOTO: Reichwein

Lena, ich kenne zwar viele Bauern, aber nur wenige junge Landwirtinnen. Warum bist du eine geworden?

Lena Weil die Landwirtschaft zehn Berufe in einem vereint. Ich bin zum Beispiel Tierpflegerin, aber auch Managerin und Organisatorin. Ich beschäftige mich mit der Zucht, also der Fortpflanzung von Tieren, aber auch mit Krankheiten. Ich pflanze Futter an, bestelle die Äcker und fahre Trecker. Später, wenn ich staatlich geprüfte Landwirtin bin, könnte ich auch ausbilden und einen Lehrling übernehmen. Die Arbeit wiederholt sich zwar, sie ist aber auf keinen Fall einseitig. Im Gegenteil, irgendwie ist jeder Tag anders.

Wie schaut denn dein Alltag aus?

Lena Mein Tag beginnt um 8.30 Uhr mit dem Kälberfüttern.

Um 8.30 Uhr? Das ist spät. Mein Vater war immer um 5.30 Uhr im Stall.

Lena Meiner auch. Wir haben in meiner Ausbildung aber einen Früh- und Spätdienst eingerichtet.

Und die Wochenenden?

Lena Ich habe jedes zweites Wochenende frei.

Das ist fortschrittlich. Wie geht es nach dem Kälberfüttern weiter?

lena Ich kümmere mich um das Jungvieh im Stall. Danach steht das Herdenmanagement an - also Kühe besamen oder behandeln, wenn sie krank sind. Von 14 bis 15 Uhr ist Mittagspause. Anschließend werden die Trockensteherkühe gefüttert, danach gemolken. Und dann müssen wieder die Kälber gefüttert werden. Um 20, 21 Uhr bin ich fertig.

Im wahrsten Sinne des Wortes? Abzüglich der Mittagspause sind das gute zehn Stunden...

Lena Das ist in Ordnung. Obwohl ich eigentlich Lehrerin werden wollte. Denn ich liebe es, Wissen weiterzugeben. Dazu kommen die Freistunden, die sind ja auch ganz nett. Endet dein Tag nach acht Stunden?

Ja und nein. Es gibt Tage, an denen ich pünktlich Feierabend machen kann. Und es gibt Tage, an denen es auch länger dauert. Wenn Rat- oder Ausschusssitzungen anstehen oder wenn etwas passiert. Das Ende ist immer offen, dafür wird es nie langweilig. Warum hat es bei dir mit der Lehrerin nicht geklappt?

Lena Nach dem Abitur habe ich in Essen ein Jahr lang Biologie auf Lehramt studiert und gemerkt, dass das nichts für mich ist. Das Studium war mir zu praxisfern. Also habe ich es abgebrochen.

Was haben deine Eltern dazu gesagt?

lena Sie haben gesagt, ich soll es mir gut überlegen.

Hast du es?

Lena Ja. Ich möchte den Hof, den mein Opa hier angesiedelt und mein Vater aufgebaut hat, fortführen. Es hängt einfach so viel Herz da dran.

Was ist mit deinem Bruder?

lena Er ist sieben Jahre alt. Und er möchte gerade Roboterbauer werden. Wenn er aber irgendwann einmal in den Betrieb einsteigen möchte, kann er das gerne machen. Wir haben ein super Verhältnis. Wolltest du nie den Betrieb deiner Eltern übernehmen?

Als ich zehn Jahre alt war, war mein Bruder 16 und schon voll drin im Geschäft. Diese Frage habe ich mir also nie gestellt, denn für mich war immer klar: Er übernimmt den Bauernhof. Ich musste als Kind auch nicht mehr so viel mithelfen wie es meine Geschwister damals mussten. Und nachdem ich einmal mit Trecker und Wender im Zaun hängengeblieben bin, war das Thema sowieso durch.

Lena Ich habe auch schon ein- oder zweimal Etwas kaputt gefahren. Allerdings nichts Großes. Passiert.

Wie ist es denn, wenn man zu Hause arbeitet und der eigene Vater der Chef ist?

Lena Eigentlich ist es sehr schön und unbeschwert. Ich kann sehr offen mit ihm die Themen, die mir wichtig sind, bereden. Gerade auch, weil ich so einen guten Draht zu meinen Eltern und zu meinen Geschwistern habe. Ich sehe, wie sie aufwachsen. Das habe ich in Essen sehr vermisst.

Apropos aufwachsen - wie war das für dich als Kind vom Bauernhof?

Lena Cool. Weil man auf dem Hof so viel machen kann. Das wussten auch meine Freunde aus dem Dorf. Sie waren immer bei mir. Ich hatte drei Esel, wir haben oft im Stroh gespielt und Höhlen auf dem Dachboden gebaut.

Bist du mit deinen Eltern früher in den Urlaub gefahren? Ich kann mich nur an einen gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern erinnern.

Lena Das war bei uns anders. Wir sind jedes Jahr zusammen in den Urlaub gefahren, gerade auch, weil mein Vater so gerne fremde Kulturen kennenlernt.

Hast du als Kind auch Katzen aufgezogen?

Lena Klar. Im Stroh. Auf dem Söller.

Hatten eure auch immer diese Katzenkrankheit?

Lena Meinst du die verklebten Augen?

Ja. Die meine ich. Fandest du denn das Leben auf dem Land irgendwann auch einmal blöd oder uncool?

Lena In der Pubertät habe ich mir bestimmt einmal gewünscht, in der Stadt zu wohnen. Einfach, weil es praktischer ist. Denn damals musste ich immer mit dem Fahrrad oder mit dem Roller in die Stadt fahren, wenn wir was unternehmen wollten. Aber blöd oder uncool war es eigentlich nie. Im Gegenteil, bei uns im Garten war immer Platz für große Grillpartys. Du?

Nein, eigentlich nicht. Ich finde es jetzt auch super schön, dass meine Tochter das Leben auf dem Land kennenlernt, dass sie weiß, dass die Milch aus dem Euter der Kuh kommt und nicht aus dem Kühlschrank. Was sagen deine Freunde dazu, dass du Landwirtin bist?

Lena Eine ganz alte Freundin hat gemeint, sie hätte es immer gewusst. Und auch sonst finden es alle gut, sie wohnen allerdings auch in der Stadt.

Und du im Kinderzimmer in Veen.

Lena Natürlich wäre es manchmal schöner in der Stadt zu wohnen und dort die Freiheiten des Lebens zu genießen. Einfach auch, weil dort die Menschen viel unterschiedlicher sind. Das fehlt mir hier auf dem Land ein bisschen. Aber mein Beruf bringt nun einmal die Ortsgebundenheit mit sich. Und ich möchte auf jeden Fall den Hof übernehmen. Und dazu kommt auch, dass ich mir bei einem Netto-Gehalt von 300 Euro monatlich einfach keine eigene Wohnung leisten kann.

300 Euro, du bist doch nun Gesellin?

lena Aber erst seit einer Woche. Ich muss noch über das neue Gehalt mit meinem Vater verhandeln. Bei den 300 Euro sind allerdings auch Kost und Logis frei.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Lena Ich habe 1000 Ideen, und weiß noch nicht wirklich, bei welcher ich irgendwann einmal landen werde. Aber ich möchte auf jeden Fall in den Tierwohl-Faktor investieren. Auch das Thema Zucht interessiert mich sehr.

Bei Kühen ist auch immer der schwankende Milchpreis ein Thema.

Lena Das stimmt, der schwankt. Wir haben allerdings Fleckvieh. Das heißt, wir haben zwei Standbeine, wir produzieren sowohl Milch als auch Fleisch.

Hast du dennoch keine Sorgen?

Lena Die Landwirtschaft ist ein Beruf, den es immer gab und den es auch immer geben wird. Er verändert sich halt nur. Ich bin nun ein Jahr Gesellin. Dann gehe ich weiter zur Schule und mache meinen Abschluss als staatlich geprüfte Landwirtin.

JULIA LÖRCKS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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