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Xanten
Dombaumeister in schweren Zeiten

Xanten: Dombaumeister in schweren Zeiten
Der im Jahr 1945 zerstörte Xantener Dom. Den Aufbau leitete in Dombauhütte Martin Glaßnick, FOTO: Dombauhütte
Xanten. Angriffswelle auf Angriffswelle flogen alliierte Luftverbände gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf Xanten. Die Innenstadt wurde in Schutt und Asche gelegt. Im Februar 1945 traf es auch den Viktor-Dom massiv. Einer, der als Dombaubaumeister mit anderen den Wiederaufbau leitete, war der spätere Mainzer Professor und Universitäts-Direktor Dr. Martin Graßnick. Gestern feierte er in Baden-Baden seinen 100. Geburtstag. Von Heinz Kühnen

Bürgermeister Thomas Görtz gratulierte dem Jubilar schriftlich. Gerda Hußmann, im Kapitel aufgewachsen, und der Leiter der Dombauhütte, Johannes Schubert, überbrachten Graßnick, der heute in einem Seniorenheim lebt, ein besonderes Geschenk des Dombauvereins: die Nachbildung einer Figur aus dem Leuchtbogen im Hochchor. Ein "Bauhelfer" oder auch "Baumeister". Das Original stammt aus dem Jahr 1501.

Er sei ein feiner, sehr gelehrter Mann, beschreibt Gerda Hußmann im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Dombauvereins, Hans-Wilhelm Barking, den gelernten Bauzeichner, der wegen der jüdischen Vergangenheit seiner Familie kein Abitur hatte machen dürfen. Eine Vergangenheit, die er vertuschen konnte und die ihn als Offizier der Wehrmacht nach Italien führte. Weil er dort gegen Deportationen einschritt, wurde er 1984 mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik ausgezeichnet.

Bauhüttenchef Johannes Schubert und Gerda Hußmann schenkten Martin Graßnick gestern die Nachbildung eines Baumeisters aus dem Dom. FOTO: Hein Kühnen

Nach Xanten kam der Architekt im Gefolge des Statikers Prof. Dr. Wilhelm Schorn, der die romanischen Kirchen in Köln aufbauen sollte. Er übertrug Graßnick den Wiederaufbau des Quirinus-Münsters in Neuss. Dorthin trieb es auch oft Walter Bader, der als NRW Staatskonservator den Wiederaufbau des Xantener Doms vorantreiben wollte und diese Aufgabe nach einer flammenden Rede 1946, als er noch die Xantener überzeugen musste, erhielt. Bader holte Graßnick.

Ein eher ungleiches Paar, wie sich auch der spätere Bürgermeister Alfred Melters erinnerte, der als Lehrer nach Xanten kam und über 20 Jahre lang Vorsitzender des später Pfarrgemeinderat genannten Gremiums der Viktor-Pfarrei war: Hier Bader, "der Retter des Xantener Doms", der - vorsichtig gesagt - mit Widerspruch nicht so gut umgehen konnte; dort Graßnick, der immer aus Mainz anreiste zurückhaltend, elegant und Autodidakt. Maßzeichnungen für die Kirchengewerke gab es nicht. Neue Berechnungen anzustellen, wäre zu teuer gewesen, so Schubert. Graßnick, der auch mit fehlendem Material zu kämpfen hatte, lernte am Objekt, wie Mauerverbände und Gemäuer sich fügen, wie Kraftlinien verlaufen.

Das Geschenk an Martin Graßnick. FOTO: dombauverein

Und er ist ein Freund der italienischen Art. "Essen bei Hövelmann, dann italienischen Rotwein trinken bei van Bebber", so erzählt Gerda Hußmann, die Graßnick im Alter von neun Jahren kennengelernt hat und bis heute Kontakt mit ihm hält. Sein Haus bei Baden-Baden gestaltete er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Anna Erna nach Art der Italiener. "Wir haben dort stundenlang getafelt", erinnert sich die Ur-Xantenerin, die im Nachbarhaus der Baders groß wurde "und seine vielen Katzen bisweilen mit Knickern bewarf".

30 Jahre lang blieb Martin Glaßnick Chef der Dombauhütte. Eine schöne Zeit, wie er Gerda Hußmann mal verriet.

Quelle: RP
 
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