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Xanten
Ein Feld voller schrecklicher Erinnerungen

Xanten: Ein Feld voller schrecklicher Erinnerungen
Ernst Tillmann (95) kann sich noch an viele Details erinnern, die er als Insasse des Kriegsgefangenenlagers in Büderich sechs Wochen lang erlebte. FOTO: Malz
Xanten. Ernst Tillmann hat das Büdericher Kriegsgefangenenlager erlebt und überlebt. Der 95-Jährige hat nicht vergessen, unter welch menschenunwürdigen Umständen die knapp 80 000 deutschen Soldaten dort untergebracht waren. Von Michael Elsing

Angst? Nein, Angst habe er nicht gehabt. "Ich habe immer Engel um mich herum gehabt", sagt Ernst Tilmann und denkt dabei nicht nur an das Frühjahr 1945, als er einer von fast 80 000 deutschen Soldaten war, die im Gefangenenlager zwischen Büderich und dem Solvay-Werk Borth vor einer vollkommen ungewissen Zukunft standen.

Tillmann, der heute in Blumenkamp wohnt, hat viel erlebt im Zweiten Weltkrieg, in dem er für die deutsche Luftwaffe unter anderem Einsätze in Moskau, Den Haag, Wien, Belgrad, Tripolis oder Sofia flog. Bevor für ihn das Büdericher Lager die Endstation im Krieg markierte, war er in der Fluglehrerschule in Brandenburg-Briest stationiert. Zwei Jahre zuvor war der heute 95-Jährige in Russland bereits schwer verwundet worden, trug ein steifes Bein davon.

Am 3. Mai 1945, also fünf Tage vor Kriegsende, kam Ernst Tillmann in das Gefangenenlager, das sich auf einer Fläche von 90 Hektar auf den Wiesen, Weiden und Äckern bei Büderich erstreckte. "Wir wurden in einem offenen Viehwaggon transportiert. Wir waren ungefähr 100 Leute und konnten uns kaum bewegen, so eng war es", erzählt Tillmann. Und dann erinnert er sich an die menschenunwürdigen Bedingungen, die in dem Lager herrschten. "Drei Tage lang haben wir nichts zu essen bekommen. Danach gab es täglich eine kleine Dose Bohnen."

Betten? Fehlanzeige! Dach über dem Kopf? Nein! Toiletten? Auch nicht! Erst nach vier Wochen wurde eine Art Donnerbalken errichtet. Zuvor mussten die Gefangenen ihre Geschäfte auf freiem Feld erledigen. Doch die Not machte erfinderisch: Tillmann besorgte sich am Borther Solvay-Werk einige Zementtüten, die ihn gegen die Kälte schützen sollten. Eine Nonne brachte ihm einen so genannten Valencia-Hut. Der sah nicht schön aus, bot aber ebenfalls etwas Schutz.

In den Nächten dieses nasskalten Frühlings vor 70 Jahren war Ernst Tillmann stets auf den Beinen, wanderte ziellos durch das Lager, um nicht allzu sehr zu frieren. Erst am Tage fand er dann ein wenig Ruhe. An Flucht dachte Tillmann allerdings nie, obwohl es zu Beginn des Lagers keine Zäune und kaum Bewachung gab. "Wo hätte ich denn auch hin gesollt? Meine Eltern und meine Schwester sowie deren siebenjährige Tochter waren am 19. Februar 1945 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen", berichtet der gebürtige Gelsenkirchener.

Und dann fällt ihm eine weitere Episode aus dieser Zeit ein: die zu Hundertschaften eingeteilten Gefangenen erhielten einen Stuten pro Gruppe. Tillmann fiel die Aufgabe zu, den Stuten gerecht aufzuteilen. "99 Männer schauten gebannt zu, wie ich das Brot geschnitten habe und passten ganz genau auf, dass kein Krümel verschwendet wurde", erzählt er. Dass nicht alle Soldaten das Lager überlebten, ist Ernst Tillmann zwar bewusst. Er selbst habe aber nicht mitbekommen, dass Männer aus seiner Gruppe, auf welche Weise auch immer, gestorben wären. Mit Auflösung des Lagers am 15. Juni endete Tillmanns Gefangenschaft. Per Zug ging es zurück in seine Heimatstadt Gelsenkirchen, wo er relativ zügig Arbeit fand - bei der Flachglas. Auch ein Grund, warum es ihn 21 Jahre später nach Wesel zog, denn die Firma hatte auch dort ein Werk.

Genauso lange dauerte es auch, bis Ernst Tillmann an den Ort seiner Gefangenschaft zurückkehrte. Im Sommer 1966 war es, als er an dem Gelände bei Büderich vorbeifuhr. Sein kurzer Kommentar damals: "Da ist mein Feld."

Quelle: RP
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