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Zum Sonntag
Eine Dunkelkammer auf Zeit

Xanten. Der Tod ist nicht das Ende, der Tod hat ein Ende

"Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen." Was ein Kirchenlied aus dem 15./16. Jahrhundert so poetisch umschreibt, ist eine banale Tatsache. Der Tod gehört zum Leben. Dass der Mensch als einziges Lebewesen um seine Sterblichkeit weiß, ist für viele ein Kreuz. Darauf antwortet der Mensch mit zahlreichen Mechanismen, diese Wahrheit zu verdrängen.

Doch - so glaube ich - je mehr ich den Tod verdränge, desto furchterregender, monströser wird er. Besonders im November werden wir daran erinnert. In der Natur erstirbt das Leben: Die Blätter fallen von den Bäumen, der Rasen wächst nicht mehr, die letzten Blumen stehen mit hängenden und verregneten Köpfen im Garten. Und auch mit seinen Gedenktagen konfrontiert uns der November mit dem Tod. Doch diese Gedenktage - seien es Allerheiligen und Allerseelen, der Volkstrauertag oder der Totensonntag/Ewigkeitssonntag - sind mehr als die Konfrontation mit dem Tod. Der christliche Glaube stellt neben den Tod die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Tod und Kreuz verwittern und dass das Leben blüht. Den Glauben, dass wir unsere Hoffnung nicht begraben müssen, weil Jesus den Tod und das Grab überwunden hat.

"Ruhe in Frieden! Auf Friedhofsdauer" - las ich vor ein paar Jahren auf einem Grabstein in Ostfriesland. Ich musste lächeln. So nüchtern, so lapidar, fast beiläufig ist unsere christliche Auferstehungshoffnung formuliert. Jemand ist gestorben, wurde beerdigt, man wünscht ihm, in Frieden zu ruhen. Aber nicht auf ewig. Denn alles Irdische, auch dieser Friedhof mit dem Grabstein, ist nur vorläufig, ist zeitlich begrenzt. Der Tod ist begrenzt. Der Tod ist nicht das Ende, der Tod hat ein Ende. Denn der Tod ist etwas Irdisches, doch das Leben ist himmlisch. Das Irdische kommt zu einem Ende, doch das Himmlische währt ewig. Und deshalb kennt der Tod ein Ende, doch das Leben nicht.

Worauf wir diesen Glauben gründen? Darauf, dass Jesu Friedhofsdauer nur drei Tage währte. Nach diesen drei Tagen, nach seiner Auferstehung war das Grab kein Grab mehr, sondern Ursprungsort des Lebens. Deshalb dürfen wir unsere Verstorbenen getröstet dem Grab anvertrauen. Es ist nur eine Zwischenstation - eine Dunkelkammer auf Zeit, in der sich neues Leben entwickelt für die andere Seite unserer Wirklichkeit.

Ich wünsche allen, die in diesen Tagen und Wochen die Gräber ihrer Lieben besuchen, dass Ihnen das ein Trost ist.

AUTORIN ULRIKE THÖLKE IST PFARRERIN DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE WALLACH-OSSENBERG-BORTH. FOTO: PRIVAT

Quelle: RP
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