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Serie Als Der Krieg Nach Rheinberg Kam
Eine Stadt im Sommer zwischen Frieden und Krieg

Xanten. Rheinberg Die letzte Juliwoche 1914: Nur noch wenige Tage sind es bis zur alljährlichen Kirmes, dem dritten Höhepunkt im Rheinberger Festtagsreigen - nach Kaiser Geburtstag und Karneval. Alljährlich lockt das dreitägige Fest, das stets am ersten Sonntag im August beginnt, scharenweise Besucher in die Stadt. Im Kaisersaal und im Schützenhaus sind an allen drei Tagen Bälle geplant - "spiegelglatte Tanzflächen und aufmerksame Bedienung" inklusive. Konditor Hoppmann empfiehlt für die Kirmestage neben Torten jeglicher Art frisches Vanille- und Ananaseis und als besondere Spezialität Rheinberger Schnittchen. Und Kaufmann Heinrich Köchling bietet während der Kirmestage "extra billigen Verkauf auf alle Waren". Die Sebastianus-Schützenbruderschaft kündigt für Kirmessonntag ein großes Preisschießen mit Volksbelustigung auf der Bleiche am Rheintor an, musikalische Gestaltung durch die Heesen'sche Kapelle. Die ganze Stadt ist auf Kirmes eingestellt, in dieser letzten Juliwoche 1914. Von Anja Rupprecht

Die erste Augustwoche 1914: 1. August, ein Samstag. Es brodelt in der Stadt. Die wildesten Gerüchte sind im Umlauf. Gestern hat der Kaiser den Kriegszustand erklärt. Zwar beruhigen die Zeitungen am Morgen noch: Kriegszustand ist nicht gleichbedeutend mit Krieg. Doch schon am Nachmittag werden die Gerüchte zur Gewissheit: Um 17 Uhr ordnet Kaiser Wilhelm die Generalmobilmachung aller deutschen Streitkräfte an. Zwei Stunden später erfolgt die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Am ersten Sonntag im August 1914 befindet sich Deutschland im Krieg. Im großen Krieg, der später der Erste Weltkrieg genannt werden wird.

Bereits am nächsten Tag begeben sich etliche militärpflichtige Männer zum Bahnhof, um zu ihren Truppenteilen zu fahren. Tag und Nacht rollen jetzt die Züge, alle 20 bis 30 Minuten passiert ein Zug mit Soldaten den Rheinberger Bahnhof, mehr als 350 Züge in der ersten Kriegswoche. Die Stadt hat am Bahnhof eine Erfrischungsstation errichtet. Frauen vom Vaterländischen Frauenverein geben hier an die in den Krieg ziehenden Männer Butterbrote und Kaffee sowie mit Eiswasser und Zucker vermischten Bitterlikör aus. Dank einer großzügigen Spende der Orsoyer Zigarrenfabrikanten können zudem rund 5000 Zigarren verteilt werden.

Am Morgen des 4. August machen sich rund 100 Männer aus den Bürgermeistereien Rheinberg und Ossenberg auf den Weg nach Wesel. Ihr Ziel: Die Zitadelle, zu deren Befestigung ganze Hundertschaften von Arbeitern benötigt werden. Neben Ess- und Waschgeschirr müssen diese "je ein brauchbares Gerät ihres Berufes, Spaten, Axt, Maurergerät pp." mitbringen. Außerdem sind von den beiden Bürgermeistereien zwölf Wagen mit Gespann und Führer zu stellen. Wagenführer sind Hubert Underberg und Friedrich Louwen aus Rheinberg, Johann Fonk und Theodor Königs aus Ossenberg, Jakob Kempken, Karl Baumann und Gerhard van Ackeren aus Borth sowie Johann Aldenhoff, Leo Heicks und Theodor Verweyen aus Wallach. Am 5. August wird in Rheinberg eine kriegsstarke Kompanie einquartiert, die jetzt die Durchgangsstraßen überwacht. Ein Militärtrupp folgt hier dem nächsten. Innerhalb von nur einer Woche ist die ganze Stadt auf Krieg eingestellt. Dieser ersten Kriegswoche werden mehr als 200 weitere folgen. Fast 400 Männer aus dem heutigen Stadtgebiet Rheinberg werden den "Heldentod für Kaiser und Vaterland" sterben, unter ihnen auch die beiden Wagenführer Hubert Underberg und Friedrich Louwen. Sie sind 28 und 20 Jahre alt geworden.

Quelle: RP
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