| 00.00 Uhr

Vom Anlagemarkt
Finanzielle Repression der Europäischen Zentralbank

Xanten. Leitzinsen von null Prozent, ein monatliches Aufkaufprogramm von 80 Milliarden Euro, negative Zinsen von minus 0,4 Prozent für Bankgelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und von Juni an der Aufkauf von Unternehmensanleihen: Die Notenbank macht die Kreditaufnahme so attraktiv wie selten zuvor und drückt die Sparzinsen auf die Nulllinie. Eine Trendwende ist noch lange nicht zu sehen. Warum auch sollten hoch verschuldete und wachstumsschwache Länder sich anstrengen und unbequeme fiskalpolitische Reformen vornehmen, wenn Geld nichts mehr kostet? Je länger der Zins so niedrig bleibt, desto größer wird der Gewöhnungseffekt.

Ob es den Notenbanken gelingt, ihre Geldpolitik irgendwann zu normalisieren, liegt nicht mehr allein in ihren Händen. Die Appelle der EZB an die Regierungen der südlichen Euroländer, die Geldpolitik mit Strukturreformen zu begleiten, verhallen ungehört. Vor vier Jahren galten z.B. italienische Staatspapiere noch als riskant. Der unbegrenzte Beistand der EZB hat die Renditen dieser Papiere in den Keller geschickt und Italien sowie allen anderen Eurostaaten eine gigantische Zinsersparnis beschert. Zu Lasten der Sparer werden die europäischen Haushalte "saniert" und der Zins als wichtiger Lenkungsmechanismus einer Marktwirtschaft faktisch abgeschafft. Solange die Deutschen weiterhin kräftig sparen und so die Schulden im Ausland finanzieren, fällt es der EZB leicht, den Euro zu verteidigen und gleichzeitig die Zinsen für die südlichen Euroländer überlebenswichtig niedrig zu halten. Mit dem Ziel der "Geldwertstabilität" und einer Inflationsrate von mindestens 2 Prozent argumentiert die EZB ihr Vorhaben. Solange aber die Inflation wie aktuell nahe Null liegt, reichen auch extrem niedrige Zinsen nicht, um hoch verschuldete Staatshaushalte nachhaltig zu sanieren. Erst wenn der Realzins, also der Nominalzins nach Abzug der Inflation, deutlich unter Null liegt, lassen sich die hohen Staatsschuldenquoten senken. Mit dieser als Finanzrepression bezeichneten Politik haben es die USA nach dem II. Weltkrieg geschafft, ihre Schuldenquote von 116 auf 66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. Der Zins ist am Boden - jetzt braucht es nur noch Inflation. Langfristig sollten davon Sachwerte profitieren.

FRANK HEINRICH, FINANZ- UND VERMÖGENSBETREUER BEI DER VOLKSBANK

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Vom Anlagemarkt: Finanzielle Repression der Europäischen Zentralbank


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.