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Xanten
Gegen alles ist ein Kraut gewachsen

Xanten. Ute und Reinhard Schenkendorf betreiben in Alpen eine Kräutergärtnerei. Ein Besuch zwischen peruanischem Klee und Glockenchili.

Der Alltag vieler Menschen wird längst vom Terminkalender getaktet. Zwischen Arbeitsdruck und Freizeitstress bleibt kaum Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung beispielsweise wird zwischen den Wochenenden durch unbedachte Nahrungsaufnahme ersetzt, die einzig dem Zweck der Sättigung dient. Mit den Folgen beschäftigen sich früher oder später die Mediziner. Dabei bietet die Natur ein reichhaltigeres Angebot als jeder Supermarkt und Feinkostladen, man muss es nur entdecken.

Eine wahre Fundgrube bietet die Kräutergärtnerei Schenkendorf im Alpener Ortsteil Rill. Die Volksweisheit "Für alles ist ein Kraut gewachsen" darf man hier getrost wörtlich nehmen. Ob peruanischer Klee, Winterpostelein oder Glockenchili, dessen Früchte tatsächlich wie Kirchturmglocken aussehen: Das Angebot ist schier überwältigend. Ein Gang durch die Gewächshäuser wird zudem zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Dabei lohnt nicht allein der Blick auf die farbenprächtige Vielfalt einen Besuch oder die abertausend unterschiedlichen Düfte. Ute Schenkendorfs Kräutergärtnerei ist auch eine große Probierstube. "Kräuter sind eigentlich nichts anderes als essbare Stauden. Man kann sie alle essen, sogar die Fetthenne", behauptet Ute Schenkendorf. Frisch vom Strauch in den Mund, egal ob Blüte, Blatt oder Frucht: Das ist nicht nur verkaufsfördernd, sondern öffnet beim Kunden auch längst verschlossen geglaubte kulinarische Türen.

Der Genuss eines Blattes der ewigen Gartenkresse etwa erweckt das Gefühl, man habe einen Schuss scharfen Senf aus der Tube im Mund. Mit dem Unterschied, dass dieser Eindruck nicht durch Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe erzielt wird, sondern durch gesunde ätherische Öle. Zudem bringt die natürliche Alternative noch eine Extraportion wichtiger Vitamine mit. "Man kann sich ein Blatt davon aufs Kotelett legen oder kleingeraspelt in Frikadellen oder Soßen verarbeiten", erklärt Ute Schenkendorf. Zur Verfeinerung des dazugehörigen Salates empfiehlt die Kräuterfachfrau Olivenkraut. "Es schmeckt fast wie frische Oliven. Man kann es auch sehr gut mit Zwiebeln und Knoblauch in der Pfanne braten."

Im Riller Feld werden die Kunden nicht nur individuell darüber beraten, welche Kräuter für ihren speziellen Standort infrage kommen, sondern bekommen auch passende Rezeptkärtchen für die nahrhafte Zubereitung dazu. Dass Kräuter nicht nur zur Verfeinerung von Hauptspeisen geeignet sind, sondern auch Naschkatzen auf den Plan rufen können, macht der Engelswurz deutlich. "Wenn man die Blattstiele mit Zucker köchelt, erhält man eine leckere Süßspeise", so Schenkendorf.

Neben der Verfeinerung von Speisen werden Kräuter auch zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten eingesetzt. Und das schon lange bevor Hildegard von Bingen die Apotheke der Natur entdeckt hat. "Die taurische Zistrose wird aufgrund ihrer antibiotischen Wirkung schon seit biblischen Zeiten bei Blasenleiden oder Magen- und Darmbeschwerden verschrieben. In der heutigen Medizin wird sie zur Unterstützung in der Krebsbehandlung eingesetzt", weiß Ute Schenkendorf. Manch einem Kraut werden gar mystische Kräfte nachgesagt. Jiaogulan zum Beispiel, das den Beinamen "Kraut der Unsterblichkeit" trägt. Es wurde in einem abgelegenen Tal in China entdeckt, in dem ungewöhnlich viele Menschen älter als 100 Jahre alt wurden und sich dabei bester Vitalität erfreuten. "Sie haben dreimal am Tag einen Jiaogulan-Tee getrunken. Wissenschaftler haben das Kraut untersucht und festgestellt, dass es viermal so viele gesundheitsfördernde Wirkstoffe wie Ginseng enthält", erzählt Ute Schenkendorf, deren zweites Steckenpferd historische Tomatensorten sind. Von der riesigen Herztomate bis zur beerenkleinen und zucker-süßen "Petit Poire" finden sich 40 sehr unterschiedliche Sorten in ihrem Angebot. Auch wenn deren Pflanzzeit längst vorbei ist, müssen die Beete in der kalten Jahreszeit nicht leer bleiben. Kaum zu glauben, aber vitaminreiches Gemüse lässt sich im Freiland auch noch bei Frost und Schnee ernten. "Der Wintersalat verträgt bis zu 20 Grad Minus. Bei Schnee sollte man ihn nur mit losem Geäst abdecken", rät die Kräuterexpertin. Erwin Kohl

Quelle: RP
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