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Thema Schulschließungen
Hauptschule: Der Letzte macht das Licht aus

Thema Schulschließungen: Hauptschule: Der Letzte macht das Licht aus
Weil ihm die Abwicklung seiner alten Schule eine Herzensangelegenheit war, geht Heiner Morsch mit zweijähriger Verspätung in die Pension. 18 Jahre lang war er Rektor der Schule, die eins eine stolze Größe in der Stadt war. FOTO: Armin Fischer
Xanten. 48 Jahre nach der Gründung wird die Hauptschule Rheinberg für immer abgeschlossen. Rektor Heiner Morsch (67) geht als Letzter von Bord. Von Erwin Kohl

Rheinberg Der Kapitän geht als Letzter von Bord. Den Ehrenkodex aus der Seefahrt nimmt auch der Leiter der Rheinberger Hauptschule für sich in Anspruch, die nun endgültig ihre Pforten schließt. "Mir lag die Abwicklung dieser Schule sehr am Herzen. Dafür habe ich vor zwei Jahren den Antrag gestellt, meine Pensionierung zu verschieben", sagt der 67-jährige Heiner Morsch.

1968 wurde in Rheinberg gegen den Widerstand der Bevölkerung aus acht Volksschulen eine Hauptschule. Die fand schließlich im 1973 fertiggestellten Gebäudekomplex an der Dr.-Aloys-Wittrup-Straße ihre endgültige Heimat. Ein Jahr später begann dort für Heiner Morsch die Lehrerlaufbahn. "Damals hatten wir bis zu 38 Schüler in einer Klasse, waren eine der größten Hauptschulen in ganz NRW", erinnert sich Morsch, der nach einem dreijährigen Intermezzo in Repelen 1998 die Leitung übernahm.

Das Ende der Rheinberger Hauptschule zeichnete sich für Morsch vor sieben Jahren ab: "In dem Moment, als für Eltern die freie Schulwahl beschlossen wurde, war uns klar, dass wir keine Zukunft mehr haben, weil wir kein Abitur anbieten können."

Heiner Morsch fragt sich nicht nur, was künftig aus den Kindern wird, für die bislang die Hauptschule prädestiniert war, sondern bedauert das Ende dieser Schulform aus einem weiteren Grund: "Die Hauptschule hat einen unschätzbaren Vorteil: Wir konnten immer den Menschen im Vordergrund sehen. Der Leistungsdruck war hier nicht so groß wie an anderen Schulen. Unser Ding war die individuelle Förderung."

Das sinkende Ansehen der Hauptschulen ging immer mehr einher mit dem nachlassendem Selbstwertgefühl von Eltern und Schülern. "Eltern sprachen nicht darüber. Sie sagten nur, mein Kind geht ins Schulzentrum. Bei Entlassfeiern konnten sie nie ein T-Shirt sehen, auf dem der Schriftzug unserer Schule stand", so Morsch.

Sonderpädagoge Rüdiger Girod hat viele Einzel-und Gruppengespräche mit den Hauptschülern geführt. Er kann den Schulleiter nur bestätigen: "Die Stigmatisierung bekamen wir deutlich mit. Immer wenn auf dem Schulhof etwas passiert ist, waren die Hauptschüler daran schuld. Schüler aufrichten, die vom Rest der Gesellschaft in die Schublade gesteckt werden, ist kaum möglich. Dennoch jeden Morgen motiviert ins Klassenzimmer zu gehen, ist nicht ganz einfach.

"Der Spaß an diesem Job hängt entscheidend davon ab, wie hoch die Frustationstoleranz ist", so Morsch. Ab und zu, mit der geballten Motivation des Außenseiters, gelingt es dann doch, für das so dringend gebrauchte Erfolgserlebnis zu sorgen. "Bei den zentralen Prüfungen haben unsere Schüler die der Realschule in Mathe geschlagen und das mit Ansage", freut sich Heiner Morsch. Wehmütig erinnert sich der Lehrer an die Anfänge: "Hauptschüler waren früher richtig stolz. Ihre Schule war dominant in Rheinberg mit den meisten Schülern. Bis die Realschule kam."

Die letzten Schüler haben ihre Entlassfeier hinter sich (RP berichtete ausführlich). Am Freitag, 1. Juli, wird die Hauptschule im Rahmen eines Festaktes offiziell geschlossen. Wenn alles vorbei ist, treffen sich die Lehrer ein letztes Mal. "Mit einer Grillwurst und einem Bier hört dann auch für uns alles auf", sagt Heiner Morsch und wirkt dabei wie jemand, dessen Lebenswerk ein Traum geblieben ist.

Quelle: RP
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