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Xanten
Heute vor 75 Jahren explodierte die Muna

Xanten. Am 20. November 1942 kam es in der Munitionsfabrik in der Hees zu einer Katastrophe. 43 Menschen starben. Ursache des Unglücks unklar. Von Peter Kummer

Der Gedanke an Sabotage lag zwar nahe, konnte aber schnell ausgeschlossen werden. Auch von einer Unachtsamkeit kann man nur bedingt sprechen, denn die Arbeiter hielten sich genau an die Vorschriften. Vermutlich war irgendwann einmal die Gefahr, die von einer simplen, dynamobetriebenen Taschenlampe ausging, nicht erkannt worden. So nahm die Katastrophe heute vor 75 Jahren ihren Lauf. Damals starben bei einer Explosion in der Luftwaffenmunitionsfabrik - kurz Muna genannt - in der Hees 43 Menschen. 42 waren zivile Arbeiter, einer war ein Unteroffizier. Tonnenweise detonierte der Sprengstoff.

Das Kalenderblatt zeigte den 20. November 1942. Ein typischer Novembertag. Kalt, regnerisch, diesig. In der Muna war telefonisch ein Auftrag für die Wehrmachtsflugzeuge im italienischen Sizilien eingegangen. Dort benötigte man dringend sogenannte BM 1000-Bombenminen, jede einzelne rund eine Tonne schwer, davon 700 Kilo Sprengstoff. 150 Stück waren bestellt. Nach dem Abwurf sollten sie im Wasser bis zu 35 Meter tief treiben und so einen Hafen verminen.

In Fabriken wie in der Hees arbeiteten bis zu 1000 Menschen per Anforderung. Wie am Fließband wurden die verschiedenen Komponenten der ein Meter langen Bomben - Hülse, Sprengmaterial, Zünder - zusammengestellt und -geschraubt. Eine Tür ins Arbeiterhaus für die Zulieferung, eine Tür für den Abtransport.

Die Hees wurde vermutlich wegen ihrer strategisch günstigen Lage gewählt. Dort kreuzten sich zwei Eisenbahnlinien, die in alle vier Himmelsrichtungen führten. Perfekt für den Nachschub für Görings Luftwaffe. Seine Soldaten hatten sich um eine lückenlose Tarnung vor einer Entdeckung aus der Luft bemüht. Allein in einem Monat, im November 1941, wurden auf die rund 100 im Wald verstreuten Bunker 35.000 Pflanzen gesetzt und 80.000 Kubikmeter Erde bewegt, um allem ein harmloses Aussehen zu geben, berichtet der Xantener Ralph Trost. Er hat intensiv die Zeit des Nationalsozialismus in der niederrheinschen Domstadt erforscht und auch seine Dissertation darüber geschrieben.

Die Ursache des Unglücks lässt sich im Nachhinein nur vermuten. Für den Historiker Trost am wahrscheinlichsten ist die These, dass von einer Taschenlampe ein Funke übersprang und so den Sprengstoff in einer Bombe explodieren ließ. Mit solchen Taschenlampen wurde vor der Endmontage in den Behälter hineingeleuchtet, um nach Fremdkörpern zu suchen. Vielleicht war es aber doch menschliches Versagen. Oder ein defekter Zünder.

Die Detonation war noch in weiter Entfernung zu hören und zu spüren. Im Umkreis von 100 Metern blieb kein Stein auf dem anderen. Trost: "Die Explosion ließ von den 43 Menschen nur eine einzige Leiche und wenige Körperteile übrig, was den Angehörigen durchaus bewusst war und auch mitgeteilt wurde." Darum, sagt er weiter, wurden die Särge mit Erde gefüllt, ehe sie fünf Tage nach der Katastrophe mit Lastwagen zur Viktorstraße gefahren wurden. Von dort aus zog ein langer Trauerzug unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Richtung Markt. "Er war komplett dicht." Die Gastronomen im Umkreis verteilten kostenlos Brühe, schenkten Kaffee-Ersatz aus und rechneten später mit der Verwaltung ab.

Der 20. November 1942 ist nicht der einzige Katastrophentag in der kurzen Historie der Munitionsfabrik in der Hees. Nur knapp zwei Jahre später, am 6. Oktober 1944, starben nach einem Luftangriff der Alliierten auf Birten 35 Soldaten, als in der Anlage ein Munitionslager getroffen wurde. Die Fertigung der Bomben war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon in Richtung Thüringen ausgelagert. Ein Teil der Munition versank auf den Grund des Altrheins.

Quelle: RP
 
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