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Frank Tatzel
"Ich verspreche nur, was ich halten kann"

Xanten. Rheinbergs Bürgermeister ist seit 100 Tagen im Amt. Ein RP-Gespräch über seine ersten Erfahrungen und seine Pläne.

Rheinberg Morgen ist Rheinbergs Bürgermeister Frank Tatzel genau 100 Tage im Amt. Diese "Schonfrist" gewährt man einem neuen Amtsinhaber in der Regel, damit er sich einarbeiten kann. Die RP hat mit Frank Tatzel über seine ersten Erfahrungen und seine Ziele gesprochen.

Herr Tatzel, haben Sie in den vergangenen 100 Tagen ein Gefühl dafür bekommen, welche Dimension das Bürgermeisteramt hat?

Frank Tatzel Ja. Es ist sehr komplex, es stehen Umstrukturierungen an. Eine 100-Tage-Frist halte ich allerdings für wenig aussagekräftig. Ich glaube, dass man ein Jahr braucht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann hat man alle Termine einmal durch.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Tatzel Dass es ein gutes Dutzend Beteiligungen der Stadt gibt: RAG-Beirat, RWE, Kommunales Wasserwerk, Euregio, Sparkassenstiftung und so weiter.

Wie hat sich Ihr Leben in dieser Zeit verändert? Fühlen Sie sich stärker beobachtet? Wie sehen Ihre Arbeitszeiten aus?

Tatzel Ich habe deutlich mehr Termine als vorher. Das öffentliche Interesse ist größer geworden. Ein gutes Zeitmanagement ist für mich noch wichtiger geworden, denn für die Familie muss auf jeden Fall Zeit bleiben.

Sie sind von der Sparkasse in das Amt gekommen, haben vorher weder in der Verwaltung, noch in der Politik gearbeitet. Wie arbeiten Sie sich ein?

Tatzel Im Stadthaus hat man mich sehr gut aufgenommen. Dienstags haben wir Verwaltungsvorstand, da ist man relativ schnell in die Themen eingearbeitet. Auch mit den Fachbereichsleitern sitze ich regelmäßig zusammen. Ich hatte Seminare beim Kommunalen Rechenzentrum und eine Einführung zum Neuen Kommunalen Finanzmanagement.

Ihre Rede beim Neujahrsempfang wurde neugierig erwartet. Viele Rheinberger haben einen Blick nach vorn erwartet - Ziele, Pläne, Veränderungen. Sie aber haben weitgehend ein Protokoll der Ereignisse des zurückliegenden Jahres vorgelesen. Warum haben Sie dieses Forum nicht dazu genutzt, Ihre Linie, Ihre Vision aufzuzeigen?

Tatzel Ich würde meine Neujahrsrede genau so wieder halten. Und zwar deshalb, weil viele Dinge nicht klar waren. Anfang Januar hatten wir noch keine Gespräche mit der Politik zum Haushalt geführt. Ich sage allerdings ganz klar: Ich möchte den Haushalt früher einbringen - geplant ist die Ratssitzung am 20. April - und auch früher verabschieden. Denn vom Haushalt hängt letztendlich alles ab. Deshalb kann ich die im Schulausschuss von den Rheinberger Schulleitern eingebrachte Resolution gut nachvollziehen. Eine Vision wollte ich nicht aufzeigen. Weil ich nichts versprechen wollte, was ich später nicht halten kann. Meine politischen Ziele habe ich ja im Wahlkampf klar benannt. Ich möchte meine Vorstellungen gerne mit der Politik abstimmen und dann eine Prioritätenliste auflegen. Für alles andere war es beim Neujahrsempfang noch zu früh.

Die Entwicklungen rund um das geplante Awo-Verwaltungsgebäude haben Sie von Ihrem Vorgänger gewissermaßen geerbt. Nach wie vor erwarten viele Rheinberger dazu eine öffentliche Informationsveranstaltung. Was werden Sie tun?

Tatzel Das Thema belastet mich sehr, das gebe ich gerne zu. Am Dienstag hatte ich ein Gespräch mit den Sprechern der Pulverturm-Initiative über deren Ziele und Vorstellungen. Mit der Awo habe ich ebenfalls gesprochen. Nach wie vor ist es mein Wunsch, eine praktikable Lösung zu finden. Aber es ist schwer zu sagen, ob das gelingt.

Das Jahr begann mit einer Nachricht, die sogar im Ausland Beachtung fand: Die Absage des Orsoyer Karnevalsrosenmontagszugs, die auch in Zusammenhang mit der ZUE in Orsoy und den Flüchtlingen erfolgte. Was ist da Ihrer Ansicht nach falsch gelaufen?

Tatzel Die Absage an sich sehe ich aus Sicht der Stadt nicht als Panne. Denn die erste Information über die Absage kam ja nicht von der Stadt. Verschiedene Faktoren haben dazu geführt, dass sich die Dinge so entwickelt haben. Die zeitliche Nähe zu den Ereignissen in Köln etwa. Es sind Fehler an verschiedenen Stellen gemacht worden.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dieser Geschichte?

Tatzel Ich habe vor, eine Pressestelle im Stadthaus zu installieren. Wobei ich aber ganz klar sage: nicht aufgrund der Karnevalszugabsage. Diese Entwicklung hätte auch ein Pressesprecher der Stadt nicht verhindern können. Aber es gibt viele Dinge, die die Stadt von sich aus öffentlich machen kann und sollte. Wir müssen stärker agieren, nicht nur reagieren. Offenheit und Transparenz sind wichtig. Ob die Stelle von außen besetzt wird oder ob das künftig jemand aus der Verwaltung macht, steht noch nicht fest.

Werden Sie die Verwaltung umbauen? Wenn ja, wie?

Tatzel Erste Vorschläge habe ich mit den beiden Beigeordneten - Frau Kaltenbach und Herrn Paus - der Politik vorgestellt. Das ist aber noch im Fluss und nicht spruchreif.

Sie haben ein Dezernat übernommen, wie Sie es im Wahlkampf angekündigt haben. Dazu gehört auch die Kämmerei. Um die städtischen Finanzen steht es alles andere als gut, jetzt beginnen die Haushaltsberatungen. Können Sie das stemmen?

Tatzel Ja, ich werde ein eigenes Dezernat mit der Kämmerei führen. Das habe ich im Wahlkampf angekündigt und das bleibt auch so.

Böse Stimmen haben schon im Wahlkampf geunkt, die CDU, deren Kandidat Sie waren, diktiere Ihnen, was in der Verwaltung zu tun sei. Nimmt die CDU Einfluss auf Ihre Arbeit?

Tatzel Nein, das kann ich nicht bestätigen.

Befürchten Sie, dass das Klima in den politischen Ausschüssen und im Rat jetzt rauer wird?

Tatzel Ich registriere durchaus, dass das Klima zwischen Politik und Verwaltung angespannt ist. Meine Hoffnung ist, dass wir alle gemeinsam für Rheinberg das Beste herausholen.

Sie sind trotz der Wahl zum Bürgermeister noch Vorsitzender der Werbegemeinschaft und des TuS 08 Rheinberg geblieben. Aus heutiger Sicht ein Fehler?

Tatzel Nein, das habe ich schon im Wahlkampf offen gesagt. Den Vorsitz der Werbegemeinschaft gebe ich im März ab, dann stehen dort Neuwahlen an. Mit dem TuS 08 ist das etwas Anderes. Da bleibe ich auf jeden Fall noch bis 2017 Vorsitzender. Was danach passiert, habe ich noch nicht entschieden. Einfach zu sagen: Ich lasse es bleiben, wäre mir zu einfach.

Ihre Amtszeit endet 2020. Wie soll "Ihr" Rheinberg in knapp fünf Jahren aussehen?

Tatzel Ich hoffe, dass wir dann den Haushalt rechtzeitig verabschieden werden und alle Vorgaben des bis 2023 angesetzten Haushaltssicherungskonzepts bis dahin erledigt sind. Und ich hoffe, dass dann erste Erfolge für die Weiterentwicklung der Innenstadt und der Ortsteile sichtbar werden. Denn die Ortsteile sollen auf keinen Fall vernachlässigt werden.

UWE PLIEN FÜHRTE DAS INTERVIEW

Quelle: RP
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