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Alpen
Im Rollstuhl - Job im Bergwerk behalten

Alpen: Im Rollstuhl - Job im Bergwerk behalten
Kevin Nisius arbeitet trotz seiner Querschnittslähmung im Salzbergwerk in Borth im Bereich Energiemanagement und Arbeitsvorbereitung. FOTO: Christoph Reichwein
Menzelen. Gelähmt: Kevin Nivius (26) aus Menzelen wird heute in Dortmund mit dem VdK-Preis für berufliche Integration trotz eines schweren Handicaps ausgezeichnet. Bei einem Freizeitunfall hat er sich vor vier Jahren drei Halswirbel gebrochen. Von Bernfried Paus

Es war ein sorgloser Moment jugendlicher Unbekümmertheit. Im Rückblick ganz sicher eine Dummheit - mindestens. Mit dramatischen Folgen für Kevin Nisius (26) aus Menzelen. Er ist querschnittsgelähmt - vom Hals an. Doch er hat sich nicht unterkriegen lassen. Auch weil er großartige Unterstützung erfahren hat. Auch von seinem Arbeitgeber - der K+S AG. Heute wird der junge Mann als einer von insgesamt acht Gewinnern in der Rotunde des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund vom Sozialverband VdK NRW ausgezeichnet mit dem "Preis für Menschen mit Behinderung in Beschäftigung und Ausbildung". Schauspieler Samuel Koch, der in einer "Wetten, dass ..."-Sendung verunglückt und ebenfalls querschnittsgelähmt ist, und VdK-Landesvorsitzender Horst Vöge werden heute Mittag vor rund 100 geladenen Gästen die Preise im Gesamtwert von 12.000 Euro überreichen.

Der junge Mann aus Menzelen wird den Nachmittag des 14. Juni 2013 nie vergessen. Natürlich nicht. Seit diesem Tag ist nichts mehr, wie es mal war in seinem jungen Leben:

Der damals 22-Jährige befindet sich mit dem Fußball-B-Ligisten SV Menzelen, für den er im Mittelfeld kickt, zum Saisonabschluss auf Mannschaftsfahrt im Center-Park bei Zandvoort. Mit Mannschaftskollegen albert er rum auf einer Brücke, die über einen seichten See führt. Die Jungs kebbeln sich, einige wollen Kevin ins Wasser werfen. Der will nicht mit dem Rücken im See landen, setzt an zum Kopfsprung. Das war's. "Ich hab' mir drei Mal das Genick gebrochen", sagt er ohne erkennbaren Anflug von Emotion.

Der fünfte Halswirbel ist zerquetscht, das Rückenmark kaputt. Der leidenschaftliche Sportler ist von jetzt auf gleich querschnittsgelähmt. Nicht nur seine Beine gehorchen ihm nicht mehr, selbst seine Finger lassen sich nicht mehr bewegen. An den Unfall selber hat er keinerlei Erinnerung mehr, auch nicht an die Fahrt im Krankenwagen in die Klinik nach Amsterdam. Einen Monat kann er sich überhaupt nicht bewegen. Spinaler Schock - so nennen das die Ärzte.

Da habe es "eine gefühlte Ewigkeit" gedauert, bis er begonnen hat zu verstehen, wie es tatsächlich um ihn bestellt ist. "Ich habe alles versucht und war zunächst fest entschlossen, die Klinik laufend zu verlassen", erzählt er. "Einen Plan B hatte ich nicht." Gut ein halbes Jahr habe er gebraucht, um zu begreifen, was ihm eine Krankenschwester immer wieder gesagt habe: "Es gibt immer einen Weg. Auch im Rollstuhl." Endlich habe er sich gesagt: "Mensch, das ist jetzt so. Mach' das Beste draus."

Das hätte er alleine niemals geschafft. "Ich habe eine tolle Familie", sagt er dankbar, "und Freunde, auf die ich mich 800-prozentig verlassen kann." Und auch auf seine Vorgesetzten und Kollegen auf dem Salzbergwerk in Borth war und ist Verlass. Dort hatte Kevin Nisius damals seine Ausbildung als Elektrotechniker gerade erfolgreich abgeschlossen und einen auf ein Jahr befristeten Job - dann passierte der Unfall. Ein gutes halbes Jahr danach hat ihn sein Chef Sebastian Wardemann in der Amsterdamer Klinik besucht. Er kam - mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Obwohl da noch gar nicht abzusehen war, wie es mit dem jungen Mann weitergehen kann. "Einfach nur wundervoll", nennt Nisius diesen Moment. "Kevin glaubt an sich, wir glauben an ihn", sagt Hans-Gerd van Bentum, Gesundheitsmanager auf dem Bergwerk. Allen sei klar gewesen, dass er in seinem gelernten Beruf nicht wieder werde arbeiten können, sagt Dirk Heinrich, stellvertretender Leiter des Bergwerks. So sei's in dem Moment eine glückliche Fügung gewesen, dass der zuständige Mann für Energiemanagement und Arbeitsvorbereitung in den Ruhestand gegangen sei. Seinen Job macht nun der heute 26-Jährige, der sich reingekniet hat in die für ihn neue Materie. Zusammen mit den für berufliche Integration zuständigen Behörden wurde sein Arbeitsplatz so eingerichtet, dass er ihn vollwertig ausfüllen kann.

Das klingt einfach, bedeutet aber enormen Aufwand. Barrierefreiheit hieß das Ziel. Sämtliche Türen mussten auf Rollstuhlbreite gebracht, spezielle Schränke eingebaut, das WC umgebaut werden. Für den PC braucht's eine spezielle Maus und Tastatur sowie eine Spracherkennung. Auch menschlich passt's. Die E-Abteilung, "eine eingeschworne Truppe", unterstützt ihn nach Kräften.

Sein Arbeitgeber macht das alles "nicht nur, weil er so ein anständiger Kerl und so positiv geblieben ist", sagt Heinrich, "sondern weil er was kann und wir uns von ihm noch einiges versprechen." Das klingt nicht gerade nach Beschäftigungstherapie. Kevin macht momentan am Berufskolleg in Moers seinen Techniker. Hin kommt er mit dem weißen VW-Bus mit einem MSV-Duisburg-Aufkleber und mit so viel Technik ausgestattet, dass Kevin ihn ohne Co-Piloten fahren kann. Finanziert von der Agentur für Arbeit.

Nur Schule funktioniert nicht mal eben so. Der junge Mann wird begleitet von einer Integrationshelferin. Die schreibt für ihn das Tafelbild ab, ihr diktiert er auch seine Lösungen für die Prüfungsaufgaben. Der VdK-Preis "vilmA" passt auf den jungen Mann: Es steht für "vorbildlich, individuell, leistungsstark und motiviert im Arbeitsleben".

Auch privat hat Kevin Nisius sich neue Ziele gesetzt. Er möchte in eine eigene Wohnung ziehen, die auf seine Situation abgestimmt ist und in der er selbstständig leben möchte. Er traut sich das zu: "Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen", sagt er mit einer gehörigen Portion Sarkasmus Dann geht die Tür auf. Ein Kollege kommt rein und grüßt: "Glück auf." Kevin lächelt und grüßt zurück: "Glück auf".

Quelle: RP
 
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