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Rp-Serie 50 Jahre Kinder- Und Jugendpsychiatrie Der Lvr-Klinik In Bedburg-Hau (2)
Kinder sollen wieder Spaß haben dürfen

Rp-Serie 50 Jahre Kinder- Und Jugendpsychiatrie Der Lvr-Klinik In Bedburg-Hau (2): Kinder sollen wieder Spaß haben dürfen
Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bedburg-Hau, Dr. Ursula Kirsch. FOTO: Dieker
Xanten. Dr. Ursula Kirsch spricht im Interview über die Entwicklung ihrer Abteilung und die Probleme der jungen Patienten.

Frau Dr. Kirsch, 50 Jahre Kinder und Jugendpsychiatrie - das ist eine ziemliche Entwicklung . . .

Ursula Kirsch Vor über 50 Jahren wurden hier verhaltensauffällige, geistig behinderte und lernbehinderte Kinder behandelt. Diese kamen bis etwa 1972 hauptsächlich aus dem Einzugsgebiet Essen. 1975 trat die Psychiatrie-Enquete für wohnortnahe Behandlung in Kraft, durch den führenden Dezernenten Kukla. Es erfolgte eine Umstrukturierung der psychiatrischen Kliniken, Patienten wurden von der Klinik in Wohngruppen ausgegliedert, zuerst die Langzeitbereiche: Kinder kamen im Kleinkindalter und bleiben meist bis zum 18. Lebensjahr. Das wurde unter dem Titel "Die vergessenen Kinder" aufgearbeitet. Das war ein Prozess über Jahrzehnte.

Wie ging die Entwicklung voran?

Kirsch Die Kinder- und Jugendpsychiatrien wurden umgebaut, die großen Schlafsäle verschwanden, es wurden Zwei- bis Dreibettzimmer eingerichtet. Der Auftrag: die Behandlung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Dieser Prozess entwickelte sich auch langsam. Wir begannen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bedburg-Hau mit einem Psychologen und heute haben wir über 20 Ärzte und Psychologen. Wir wurden also eine selbstständige Klinik. Ein Entwicklungsprozess mit der Eröffnung der Tagesklinken begann erst in den späten 1990er Jahren. Seit 2006 besteht eine Tagesklinik in unserer Außenstelle Geldern.

Welche Krankheiten standen vor 50 Jahren im Mittelpunkt?

Kirsch Es waren vor Erkrankungen durch geburtsbedingte Hirnschäden, Hirnschäden durch Down-Syndrom oder eitrige Hirnhautentzündungen.

Mit welchen Symptomen beschäftigen Sie sich heute in erster Linie?

Kirsch Depressionen, möglicherweise durch Überbehütung oder hohe Anforderungen in der Schule. Kinder können kein Selbstbewusstsein aufbauen und scheitern somit.

ADHS beispielsweise kannte man vor 50 Jahren noch nicht, Ritzen war nicht thematisiert ...

Kirsch Es gibt einen Fortschritt in der Diagnosestellung: Bestimmte Krankheiten, die früher nicht erkannt wurden wie ADHS oder Autismus, können heute diagnostiziert werden. Die Gefahr besteht, dass bei Erkrankungen wie ADHS, die rein auf der Symptom-Ebene diagnostiziert werden, auch Falschdiagnosen entstehen können. Deshalb wurden neuropsychologische Untersuchungen eingeführt, um wissenschaftlich begründete ADHS diagnostizieren zu können. Durch die Entfremdung des eigenen Körpers in der heutigen Gesellschaft nimmt das Ritzen, das im Rahmen einer psychischen Störung bei depressiven, emotional instabilen Kindern, praktiziert wird, stärker zu. Durch den Körperschmerz wird der seelische Schmerz verringert und man spürt sich.

Stresst die Gesellschaft heute Kinder mehr als vor 50 Jahren?

Kirsch Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich verändert, Eltern haben weniger Zeit und Nerven, sich mit ihren Kindern auseinander zu setzten als früher, sind gestresster. Eltern sind stärker belastet durch Arbeit, alles wird schneller, hektischer und komplexer. Kinder leiden oft unter nicht anwesenden Eltern. Eltern sind durch verschiedene Erziehungsberatungen und diverse Erziehungsratgeber in ihren Kompetenzen sehr verunsichert. Alleinerziehende befinden sich immer an der Überforderungsgrenze. Das Einzige das zählt, ist Geld. Aber Werte wie Solidarität, Mitmenschlichkeit, Empathie wird wenig gelebt. Die Gesellschaft müsste sich darauf besinnen, dass es wichtig ist, den Kindern die Natur näher zu bringen oder Vereine zu besuchen - um Spaß zu haben und nicht, um Leistung zu erbringen!

Sind die Erkrankungen, die Sie im Kreis Kleve/Wesel behandeln müssen, andere in der Großstadt?

Kirsch Es gibt keine Unterschiede mehr zwischen Großstadt und Land bezüglich psychischer Entwicklung.

Sie sind mit den Tageskliniken näher am Patienten, wie geht die Entwicklung der LVR-Klinik weiter?

Kirsch Wichtig ist aufsuchende begleitende Unterstützung in den Familien, präventive Maßnahmen. Das müssten die Krankenkassen finanzieren und auch die Gesellschaft müsste verstehen, dass das wichtig ist. Wenn sich erst einmal eine schwere psychische Störung entwickelt hat, bleiben große Narben, wenn man aber früh anfängt mit der Unterstützung, kann das Problem geringer werden.

DIE FRAGEN STELLTE RP-REDAKTEUR MATTHIAS GRASS.

Quelle: RP
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