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Zum Sonntag
Leben ist prinzipiell und an allen Orten nie absolut sicher

Zum Sonntag: Leben ist prinzipiell und an allen Orten nie absolut sicher
FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Xanten. Kaum einer, der nicht traurig ist. Kaum einer, der nicht hinsieht. Kaum einer, dem es nicht zu Herzen geht, wenn er die Zahl der Toten hört, die im Meer ertranken, wenn er die Bilder sieht der Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht.

Kaum einer, der nicht voller Wut ist über menschlichen Machtmissbrauch, der menschliches Leid billigend in Kauf nimmt, ja, produziert. Kaum aber auch einer, der sich in die verantwortlichen deutschen Politiker hineinversetzt, versetzen kann, die Tag für Tag mit diesen Problemen konfrontiert sind und Entscheidungen treffen müssen. Geben wir es zu: Eine beschreibende Analyse mit glatten Lösungswegen ist nicht möglich. Wie aber damit umgehen, ohne abzustumpfen?

Nachdenklichkeit ist der Anfang von Verarbeitung. Darüber zu reden, ist geboten. Wird Nachdenklichkeit biblisch gewagt, lässt sie sich in Worte fassen, fassen lassen müssen, weil blankes, stummes Entsetzen keine Möglichkeit der Verarbeitung mehr birgt. Solch ein Versuch, Bestandteile einer beschreibenden Nachdenklichkeit in Worte zu fassen, lässt in unserer gegenwärtigen Situation erkennen: Leben ist prinzipiell und an allen Orten nie absolut sicher. Daran ist niemand unbeteiligt. Jedes menschliche Tun und Denken, das glaubt, alle Entwicklungen in der Hand zu haben, alle Prozesse steuern zu können, führt in den Wahn der Omnipotenz.

Je eher wir uns dieser Gegebenheit in der Menschheitsfamilie stellen, desto früher wird die Bereitschaft, miteinander leben zu wollen, wachsen können. Darauf zielt das biblische Wort: Ich bin ein Gast auf Erden. (Psalm 119,19). Das Böse hat ungeahnt perverse und allgemein nicht für möglich gehaltene Brisanz und Aktualität bewiesen. Die einem einzelnen Menschen und Machtsystemen innewohnende zerstörerische Kraft bedarf der Offenlegung und öffentlichen Diskussion, in welcher Gestalt auch immer sie daherkommt. Jeder Terrorismus muss entlarvt werden. Das meint das biblische Wort: Lass Dich nicht vom Bösen überwinden (Römer 12,21).

Die Pflicht zur globalen Zusammenarbeit in der Entwicklung humaner Strukturen ist unabweisbar. An der Aufgabe weltweiter Unrechtsbekämpfung und Veränderung auf ein Mehr an Gerechtigkeit für Benachteiligte und übervorteilte Völker führt um den Preis des Überlebens kein Weg vorbei. Darum ist die Diskussion um Menschenrechte und Völkerrecht dringlich zu führen - unter Einbeziehung der geschichtlichen Erfahrungen aller benachteiligten Völker. Darauf weist das biblische Wort: Recht muss doch Recht bleiben (Psalm 94,15).

Das tiefe Leid unbeteiligter Zivilisten, die brutale Verfügung über an weltweiten Machtverstrickungen und -verschiebungen unbeteiligte Menschen fordert die Absage an Resignation heraus, die zugleich an dem Wert jedes einzelnen Menschenlebens in seiner Einmaligkeit und grundsätzlichen Unverfügbarkeit festhält.

Das schließt unsere Trauer und unser Mitgefühl genauso ein, wie es auch die Überwindung des Todes für jeden unverwechselbaren Menschen - wenn auch stammelnd - ausspricht. Das meint das biblische Wort von Gottes Macht: Nichts und niemand wird sie aus meiner Hand reißen (Joh.10,28).

Vielleicht beginnen wir zu ahnen, was die Stunde geschlagen hat.

AUTOR C.DIETER HINNENBERG, PFARRER UND SUPERINTENDENT I.R. FOTO: ARFI

Quelle: RP
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