| 00.00 Uhr

Porträt Hans-Peter Becker
Mann, der die Schule im Dorf lassen will

Porträt Hans-Peter Becker: Mann, der die Schule im Dorf lassen will
Er denkt nicht, dass man über ihn sagt, er sei ein strenger Lehrer gewesen. Hans-Peter Becker war immer auch die Beziehungsebene zu seinen Schülern wichtig. An die vielen Begegnungen mit jungen Leuten werde er gern zurückdenken. FOTO: Ostermann
Xanten. Im Sommer 1996 kam Hans-Peter Becker als Rektor an die Hauptschule in Alpen. Mit den großen Ferien ist Schluss für ihn. Von Bernfried Paus

Alpen Es war Liebe auf den ersten Blick. Mitte der 90er Jahre. Hans-Peter Becker (65), damals junger Rektor einer Hauptschule vor den Toren des Stahlkonzerns Thyssen in Rheinhausen, war Gast in der Hauptschule Alpen. Grund war ein Projekt mit dem pädagogisch-sperrigen Titel "Gemeindeorientierte Schule". Das meinte nichts anderes, als dass Schule mitten im Dorf also mitten im Leben stehen sollte, das sie umgibt. "Das hier war eine völlig andere Schulwelt, als ich sie bis dahin erlebt hatte", erinnert sich Becker. "Eine Schule im Grünen mit toller Sportanlage, und eine Schule ohne Zäune." Kurze Zeit später, im Sommer 1996, wurde er hier Rektor, bezog mit seiner Frau Irmgard nur einen Steinwurf vom Schulhof ein Heim und hat's nicht einen einzigen Tag bereut. Nun rückt der letzte Tag des alten Schuljahres näher. Dann geht das zu Ende, was er so lange geschätzt hat. Endgültig. Becker wird Pensionär. Morgen wird der Noch-Rektor offiziell verabschiedet. "Dann denke ich, wird's schwer", so Hans-Peter Becker im RP-Gespräch.

Es überwiegen die Erinnerungen an die schönen Dinge, "die ich hier erleben durfte", sagt der Pädagoge, der Geschichte, Deutsch und Erdkunde studiert hat und stets mehr sein wollte als "reiner Wissenvermittler". Er hat sich als Erzieher verstanden, dem so genannte Schlüsseltugenden wichtig waren wie Teamgeist, Durchhaltevermögen, Zuverlässigkeit - unabdingbar, um im Berufsleben zu bestehen.

Hans-Peter Becker hat "Hauptschule gelernt". Die praktisch ausgerichtete Schulform vor Ort, die besser als andere in der Lage gewesen sei, "in einem überschaubaren System unterschiedlich begabte Schüler sehr individuell zu fördern", folgt ihm in zwei Jahren. Er bedauert das. "In Alpen hat die Hauptschule bis zuletzt nicht im Abseits gestanden. War immer noch Schule mitten im Dorf."

Aber es sei nun mal Fakt, dass die Eltern, aufs ganze Land bezogen, der Hauptschule den Rücken gekehrt hätten. "Das politisch verordnete Ende war lange absehbar", sagt Becker. Es ist ihm ein tröstlicher Gedanke, dass das, was die Hauptschule ausgemacht habe, am Schulstandort Alpen weiterlebt, in der Sekundarschule - "mit besseren Möglichkeiten". Auch die habe sich das Selbstverständnis, "Schule im Ort" sein zu wollen, auf die Fahnen geschrieben. Und das sei gut so.

Becker schaut dankbar zurück auf seine Schulzeit in Alpen, auf die vielen Schüler, die er erlebt hat, auf zahllose Elterngespräche, auf ein "tolles, höchst bodenständiges Kollegium" und die Unterstützung aus dem Rathaus und von Firmen wie Lemken. "Lehrer ist sehr abwechslungsreich", sagt Becker. Er war der Erste in seiner Familie, der den Beruf ergriffen hat. Sein Vater, kaufmännischer Angestellter, habe "immer den Kopf geschüttelt". Er habe den Beruf geliebt, den er 44 Jahre ausgeübt hat, der eine Menge Kraft, physisch und psychisch, erfordere. "Um nicht zu verbittern", sagt er, "braucht's Humor." Davon besitzt der 65-Jährige eine gehörige Portion. Er geht guter Dinge, freut sich, dass auch Gattin Irmgard, ebenfalls als Lehrerin, in den Ruhestand geht. Er will sich auf dem Rad abstrampeln, um sich fit zu halten, ab und an absteigen, um ein Bild zu machen. Fotografieren ist sein Hobby, für das bald viel mehr Zeit ist. Nicht nur in den Ferien.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Porträt Hans-Peter Becker: Mann, der die Schule im Dorf lassen will


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.