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Xanten
Mein Leben fließt am Niederrhein

Xanten: Mein Leben fließt am Niederrhein
Wer am Niederrhein aufwächst, lebt oft auch ganz nah am Wasser der Niers. FOTO: S. Dalkowski
Xanten. Unsere Autoren, alle vom Niederrhein, erinnern sich an ihre Jugendjahre auf dem platten Land zwischen Duisburg und Emmerich, zwischen Kleve und Wesel. Von Ulrike Rauhut

Der Rückblick auf meine Kindheit und Jugend in einem niederrheinischen Dorf ist zweigeteilt. Da ist die Kindheit und da ist die Jugend. Zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe. Als Kind lebt es sich bekanntermaßen recht schön auf dem platten Land. Ich spielte mit der gleichaltrigen Nachbarstochter Seilspringen, Gummitwist und Kästchen hüpfen auf der Straße, auf der nur ab und an eine Mutter mit dem obligatorischen hellblauen oder beigen Käfer entlangfuhr. Die Winter waren im Rückblick tatsächlich alle so kalt, dass wir auf dem See Schlittschuh laufen oder sogar auf der Straße Ski laufen konnten. Die Sommer waren voller Planschbecken-Spaß mit Kirschen, Wassermelonen und Eis, bis man Bauchschmerzen hatte. Nach der Schule konnte man im Laden von Frau Hylmanns eine Tüte "Lecker" erwerben. Ein kleines, rundes Brausebonbon kostete fünf Pfennig, wenn ich mich recht entsinne, vielleicht auch nur zwei. Erdbeeren mochte ich am liebsten, und auch ein paar Blätter Esspapier waren immer mit dabei. Meine beste Freundin lebte auf dem Bauernhof in Eyll. In gewisser Weise war das eine ganz andere Welt als die meiner Neubau-Doppelhaus-Siedlung. Wir spielten Federball auf dem riesigen Hof und ich durfte auch ab und an solche Dinge wie Treckerfahren, Kühe zusammentreiben und Schweine füttern miterleben. Und natürlich spielten wir mit Vorliebe im Stroh oder fuhren mit den Fahrrädern durch die Gegend. Der Geruch in der großen "Deel", von Silo und Schweinestall, den ich immer mit nach Hause brachte, war ein Teil meiner Kindheit. Ich hatte die Vorzüge des Landlebens, aber nicht die Pflichten, die für meine Freundin damit verbunden waren. Später fand meine Freundin in der katholischen "Landjugend" ihre Clique.

Für mich aber gab es als Jugendliche im Dorf keine Heimat, weder im Sport- noch im Tennisverein und schon gar nicht in der Landjugend. Die Sehnsucht nach Kontakten mit Jungs wurde allesbeherrschend. Denn man hatte uns eine großartige Bildung zugedacht: Latein als erste Fremdsprache und keine Ablenkung durch Anwesenheit des anderen Geschlechts. Humanistisch? - sicher, aber aus meiner Sicht inhuman. Zwischen dem Mädchengymnasium und dem Jungengymnasium prangte ein in den Pausen streng bewachter Wassergraben.

Die wöchentlichen Treffen im Gelderner Jugendheim wurden zum ersehnten Highlight. Die Jugendlichen, die ich im 20 Kilometer entfernten Neukirchen-Vluyn kennenlernte, waren unerreichbar. So verbrachte ich viel Zeit in meinem Zimmer, in sehnsüchtiger Melancholie und mit dem Schreiben von Briefen. Ich saß in diesem Kaff fest wie eine Ausgestoßene auf einer einsamen Insel.

Der Erwerb des Führerscheins an meinem 18. Geburtstag war da natürlich wie eine Erlösung. Endlich konnte ich meine Freunde in Neukirchen-Vluyn besuchen, konnte am Wochenende zu diversen Diskos fahren. Denn die "Number", die E-dry in Geldern, war für Popper und Spießer, nicht meine Welt! Ich fuhr zum Schwarzen Adler in Rheinberg, zum Kulturbahnhof in Kaldenkirchen und zu Wienemann in Xanten-Vynen. Als ich dann nach dem Abi nach Köln ging, um zu studieren, fühlte ich mich da angekommen, wo ich schon länger hingehörte.

Nach Hause zog es mich nicht mehr wirklich. Und wenn ich in Nieukerk aus dem Zug stieg, kam es mir vor, als wäre ich in einer Puppenstube gelandet. Ich war ganz schön überheblich und konnte mir nichts Kleingeistigeres vorstellen, als in diesem Kaff wohnen zu bleiben. Heute sehe ich das anders. Zwar denke ich immer noch, dass es gut tut, die Heimat zu verlassen und den Horizont zu erweitern.

Aber wer es schafft, in der dörflichen Gemeinschaft seine Heimat (wieder)zu finden, der ist wahrlich ein glücklicher Mensch!

Quelle: RP
 
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