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Serie Niederrhein Voller Energie
Neue Energiequelle ersetzt Kokereigas

Serie Niederrhein Voller Energie: Neue Energiequelle ersetzt Kokereigas
Der historische Moment: Hans Polrolniczak schließt die Gasfackel. Statt Kokereigas fließt nun Erdgas durch das Moerser Leitungsnetz. Augenzeuge sind unter anderem Bürgermeister Wilhelm Brunswick und Stadtdirektor Heinz Oppers. FOTO: Privat
Xanten. Schon in den 70er Jahren gab es einen Energiewandel. Erdgas wird in die Leitungen eingespeist. Es kommt zur ersten Ölpreiskrise. Kohle-Förderung wird gedrosselt, die Zahl der Bergleute nimmt drastisch ab, Zechen und Kokereien schließen. Von Dirk Möwius

Moers/Rheinberg Am 4. August 1978 wurde ein Moers in Sachen Energieversorgung ein Stück Geschichte geschrieben: Hans Polrolniczak, Vorsitzender des Stadtwerkeausschusses, übernahm die ehrenvolle Aufgabe, die Gasfackel nach dem Ausblasen des Kokereigases zu schließen. Eine neue Technologie hatte sich durchgesetzt und das Kokereigas verdrängt: Erdgas.

Schon damals gab es den Energiewandel: Kokereigas war nach der Stilllegung vieler Kokerein längst nicht mehr so leicht und preiswert zu bekommen. Als Primärenergie kann Erdgas ohne Umwandlungsverluste eingesetzt werden; es benötigt ein Minimum an Aufbereitung und lässt sich fast im Förderzustand in das Leitungssystem einspeisen. Außerdem hat Erdgas einen wesentlich höheren Heizwert als Kokereigas. Durch seine spezifische Zusammensetzung ist es ungiftig, verbrennt schadstoffarm und ohne feste Rückstände, also umweltverträglich und sauberer als jeder andere fossile Brennstoff. Auch die erste Ölkrise 1973 lieferte Argumente, Alternativen für die Heizung anzubieten. Da eine Mischung beider Gasarten nicht möglich ist, konnte die Umstellung nur gebietsweise erfolgen. Gasregelstationen und Rohrnetz, Druckregler in den Hausanschüssen und Gasgeräte bei den Verbrauchern mussten umgestellt werden. 8500 Haushaltsgeräte und rund 300 gewerbliche Gasgeräte wurden der neuen Qualität angepasst. Rund ein Viertel der Geräte war allerdings so alt, dass Durchlauferhitzer oder Boiler nicht mehr umgerüstet werden konnte.

So sieht eine Erdgasleitung aus. Durch das Rohrnetz gelangt der Energieträger ganz nach Bedarf zu den Verbrauchsgeräten. FOTO: privat

Die neue Technik sorgte für einen deutlichen Nachfrageschub - auch, weil viele Neubaugebiete in den boomenden Kommunen mit einer Anschlusspflicht versehen wurden. So wuchs in Moers das Netz schnell von der eigentlichen Stadt auch in die Ortsteile hinein. Der Nachfolger der Moerser Stadtwerke, die Enni Energie und Umwelt, die mit dem Zusammenschluss auch das Neukirchen-Vluyner Gasnetz übernahm, liefert heute (2014) 697 168 Megawattstunden an 14 796 Hausanschlüsse über ein 570 Kilometer langes Rohrnetz. Bald wird das Netz noch deutlich größer: Der Rat der Stadt Rheinberg hat kürzlich beschlossen, dass Enni für die kommenden 20 Jahre einen Vertrag für die exklusiven Rechte zum Betrieb des städtischen Erdgasnetzes bekommt. Sind die Verkaufsverhandlungen mit Gelsenwasser abgeschlossen, werden weitere 120 Kilometer Netz in die Zuständigkeit des Moerser Unternehmens fallen.

Lange Zeit hatte Erdgas einen politischen Preis. Grund war die Anbindung an den Ölpreis. Sie war in den 70er Jahren eine Erfindung des niederländischen Wirtschaftsministers de Pous. Mit der Ölpreisbindung konnten die verschiedenen Akteure der Gas- und Ölbranche Risiken vorbeugen, langfristige Investitionen wagen und sich gegenseitig eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit geben. Diese Preisbindung ist mittlerweile nicht mehr vorhanden. So setzt Enni zum Beispiel auch in der Gassparte auf einen strukturierten, über mehrere Monate verteilten Gaseinkauf und bietet den Erdgas-Kunden am Niederrhein langfristige, sogenannten Fixgas-Verträge an. Damit können Kunden ihre Erdgaspreise bis zu drei Jahre lang einfrieren.

Regelmäßig wird die Dichtigkeit der Leitungen untersucht. FOTO: Jörg Parsick-Mathieu

Erdgas wird aber nicht nur genutzt, um zu heizen und Wasser zu wärmen. Auch als günstiger und umweltschonender Kraftstoff wird Erdgas am Niederrhein eingesetzt. Rund einen Euro bezahlen Fahrer derzeit pro Kilogramm, der Verbrauch ist rund 30 Prozent höher als bei Benzinfahrzeugen. Auf den Kilometer gerechnet ist Erdgas damit noch immer günstiger, die höheren Anschaffungskosten amortisieren sich dann mit der Zeit über die gefahrene Strecke. In Moers bietet es Thorsten Schanzenbach an einer gesonderten Zapfsäule an. 1999 hat er seine Tankstelle um- und nachgerüstet. Etwa 30 bis 50 Gaskunden zählt er pro Tag, und es werden immer mehr.

Quelle: RP
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