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Xanten
Rap gegen Rechts mit einer tief bewegenden Geschichte

Xanten. Sie rappen gegen Rechts, sind vor allem in Schulen unterwegs, um gerade auch junge Menschen aufmerksam zu machen auf die Gefahr, die von verblendeten und radikalen Zeitgenossen ausgeht: Das antifaschistische HipHop-Duo "Microphone Mafia" mit Gitarrist Rosario Pennino und Sänger Kutlu Yurtseven, Joram Bejarano und seine Mutter Esther - eine 91-jährige Dame, die weiß, wovon sie spricht und singt. Sie hat die Grauen des Zweiten Weltkrieges erlebt, war gerade 18 Jahre alt, als sie 1943 ins Konzentrationslager Birkenau im von Deutschland besetzen Auschwitz (Polen) kam und nur überlebte, weil sie dort im Mädchenorchester spielte. Von Heidrun Jasper

Jennifer Akbay (sie unterrichtet Deutsch und evangelische Religion an der Walter-Bader-Realschule) und sechs Schüler der Klasse 10 (Sören Paetzold, Joshua van der Linden, Tom Ebbing, Philip Lütgenhaus, Wladislaw Remer und Joos Krüger) haben Esther Bejarano und "ihre" Jungs, mit denen sie seit 2009 auftritt, nach Xanten geholt. Und man hätte die berühmte Nadel auf den Boden fallen hören können, als die kleine, alte und so unvorstellbar starke Dame im ausverkauften Forum am Schulzentrum die Bühne betrat, sich an ein Pult setzte und mit fester Stimme aus ihrem Buch "Erinnerungen" las. Alle, aber auch wirklich alle jungen und älteren Zuhörer waren mucksmäuschenstill. Kein Räuspern ging durch die voll besetzten Stuhlreihen, als sie ihre bewegende Geschichte erzählte. Die leidvolle Geschichte eines jungen Mädchens, dem die Nummer 41948 auf den linken Arm tätowiert wurde und das zwei Jahre später mit vielen anderen um ein brennendes Foto von Adolf Hitler tanzte und Akkordeon spielte. "Das Bild werde ich nie vergessen", sagt sie; "das war nicht meine Befreiung, das war meine zweite Geburt."

Und genauso klar und fest, wie sie aus ihrem Buch las, sang sie dann auch die Lieder, die sie mit ihrem Sohn Joram und Kutlu Yurtseven anstimmte (Gitarrist Rosario Pennino konnte an dem Abend nicht dabei sein, seinen Part übernahm die "Konserve"). Lieder in deutscher, hebräischer, italienischer und türkischer Sprache. Lieder, die von der Sehnsucht nach Menschlichkeit erzählen, Lieder gegen das kollektive Schweigen, gegen das Weg-Schauen. "Mit euch gegen Rechts zu rappen: Das ist meine späte Rache an den Nazis", hatte Esther Bejarano zugestimmt, als Kutlu Yurtseven sie am Internationalen Frauentag 2008 in Hamburg besuchte und sie für das gemeinsame Projekt gewann. Viva la Liberta, es lebe die Freiheit: "Es ist ein schmaler Grad zwischen Patriotismus und Rechtsradikalismus", so der Sänger, der mit Joram Bejarano ein Transparent "Niewieder Krieg" entrollte und zwischen den Stücken die Brandanschläge von Mölln und Solingen, die Nagelbombe in Köln, die zehn Morde der NSU an türkischen und einem griechischen Einzelhändler in Deutschland Revue passieren ließ. "Nazis sind Feinde aller Menschen, die frei leben möchten": Dem konnten sich die Zuhörer offensichtlich anschließen - stehend und mit langanhaltendem Beifall für einen bewegenden und gleichermaßen fröhlichen Abend.

Quelle: RP
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