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Als der Krieg nach Rheinberg kam
Speck und Schinken lagern im Rathaus

Als der Krieg nach Rheinberg kam: Speck und Schinken lagern im Rathaus
Im Frühjahr 1915 werden im Rheinberger Rathaus zentnerweise Speck und Schinken eingelagert. FOTO: Stadtarchiv Rheinberg
Rheinberg . Im August 1914 hielt es der Rat in Rheinberg noch nicht für nötig, Getreidevorräte anzulegen - eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte. Von Vom Anja Rupprecht

Weihnachten ist alles vorbei. Das hörten und glaubten die Männer, die im August 1914 in den Krieg zogen. Und daran wollten auch die Menschen an der Heimatfront nicht zweifeln. Vorkehrungen für eine längere Kriegsdauer wurden entsprechend nicht getroffen.

Mitte August 1914 befindet der Rheinberger Stadtrat: "Angesichts der Tatsache, dass noch hinreichende Getreidevorräte vorhanden sind, eine ausgezeichnete Ernte vor der Türe steht, der Einfuhrzoll für die hauptsächlichsten Getreidearten aufgehoben und ein entsprechendes Ausfuhrverbot ergangen ist, wurde ein Ankauf von Getreidevorräten einstweilen nicht für nötig gehalten."

Eine Fehleinschätzung. Rund ein Drittel aller benötigten Lebensmittel wurde vor dem Krieg importiert. Mit Ausbruch des Krieges und Errichtung der englischen Seeblockade fallen diese Importe weg. Allein der Preis für Weizen, von dem jährlich rund 40 Millionen Zentner eingeführt wurden, wird sich innerhalb von zwei Jahren verzehnfachen. Am 13. März 1915 werden in Rheinberg erstmals Brotkarten ausgegeben, maximal ein halbes Pfund Brot pro Tag erhält jetzt jeder.

Gravierend sind die Folgen des ausbleibenden Imports auch für den Viehbestand. Zunehmend werden die fehlenden Futtermittel durch Kartoffeln ersetzt, was zulasten der menschlichen Ernährung geht. Mitte März richtet Landrat von Laer einen Aufruf an alle Landwirte im Kreis Moers: "Als einziges Mittel zur Schonung der Kartoffelvorräte bleibt eine weitgehende Abschlachtung der Schweine."

Das Schlachtfleisch soll als Dauerware in Form von Pökelfleisch, Speck und Schinken konserviert werden. Die Gemeinden werden verpflichtet, eine ihrer Einwohnerzahl entsprechende Menge an Fleischdauerware zu bevorraten. In Rheinberg wird mit dieser Aufgabe eine eigens gebildete Kommission betraut. Ende Mai gibt Bürgermeister Roll bekannt, dass die gekauften Schinken eingetroffen sind und im Rathaus lagern und dass in Kürze auch der bestellte Speck im Rathaus eintreffen wird. Diese Maßnahme greift jedoch nur kurzfristig, denn der Krieg dauert, die Fleischdauerware aber nicht.

Fleisch wird schon bald zu einem so knappen und teuren Gut, dass es kaum mehr erschwinglich ist. In der Rheinberger Zeitung aus jenen Tagen findet sich der Fleischnotstand in Reimform wieder. Wer den Reim verfasst hat, ist nicht bekannt. Schön, trotz der ganzen Not, ist er allemal.

Quelle: RP
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