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Sonsbeck
Straßen und Keller stehen unter Wasser

Unwetter in Sonsbeck und Xanten: Straßen und Keller unter Wasser
Trotz geschlossener Fenster liefen Keller voll. FOTO: Stoffel
Sonsbeck. Mehr als in der Nacht zu Donnerstag hat es in Xanten seit Beginn der Messungen noch nie geregnet. Die Feuerwehr rückte zu etwa 280 Einsätzen aus. In Sonsbeck wurden mehrere Straßen gesperrt. Die Lage am Umspannwerk spitzt sich zu. Von Peter Kummer U. Heinz Kühnen

Der Schreck stand Hannah Spira noch eine ganze Weile ins Gesicht geschrieben. Die 18-Jährige hatte gemeinsam mit ihren Eltern eher staunend zugesehen, wie draußen das Wasser vom Himmel stürzte. Dann musste ihr Vater Markus im Keller der Doppelhaushälfte am Raysebruch ein Kanalrohr abdichten. Draußen ließ und ließ der starke Regen nicht nach. "Es tröpfelte unter dem Fenster im Souterrain und plötzlich stieg das Wasser draußen sichtbar an", berichtete die Abiturientin des Xantener Stiftsgymnasiums. In aller Eile versuchte die Familie, aus dem Arbeitszimmer zu retten, was zu retten war. Aktenordner, Fotos . . . Und dann das: Hannah Spira war gerade mal allein im Raum. "Es gab einen riesigen Knall, Glas splitterte, das Wasser stürzte rein, Stühle kam auf mich zugeschossen, irgendwie klemmte mein Fuß an der Tür", sagt die junge Frau. "Ich hätte nie gedacht, dass Wasser wirklich so eine Kraft hat."

Hannah kam mit ein paar blauen Flecken davon und wartete mit ihrer Familie anschließend Stunde um Stunde auf die weitere Hilfe der Rettungskräfte auch aus Kamp-Lintfort, Wesel, Dinslaken und Moers, die pausenlos im Regen arbeiteten, derweil die Kanalisation und die Ley zum zweiten Mal in dieser Woche immer voller liefen. Hatten die Sonsbecker beim letzten Starkregen am Montag noch kurzzeitig Ärger mit dem Regenrückhaltebecken an der Parkstraße, so fiel diesmal die Pumpe des großen Beckens an der Straße Zur Ley vorübergehend aus, erklärte Hans-Jörg Giesen, im Sonsbecker Rathaus für die Feuerwehr und den Katstrophenschutz zuständig. Diesmal half das Technische Hilfswerk mit einer großen Pumpe. Derweil füllten Mitarbeiter des Bauhofs Sandsack um Sandsack, die auch von vielen Freiwilligen an den neuralgischen Stellen am Grunde der Sonsbecker Schweiz deponiert wurden. Doch es kam wie schon Mitte Mai 2012: Die Wasser- und Schlammmassen schossen zu Tal, sammelten sich im Ort. Wieder einmal wurde der Hügel gesperrt. Gleichzeitig liefen Kanäle und die Ley voll. Nichts ging mehr. Bürgermeister Heiko Schmidt sagt: "Da hatte wegen des hohen Wasserstandes Pumpen keinen Sinn mehr, das Wasser wäre zurückgeflossen." Gleichzeitig, erklärte Schmidt anerkennend, lief eine Welle der Hilfsbereitschaft an. Landwirte boten ihre Maschinen an, Anlieger verteilten Kaffee und Brote, halfen beim Räumen . . .

Der Musikraum der Xantener Hauptschule stand unter Wasser. Schüler waren nicht dort, da es gestern aus Sicherheitsgründen schulfrei gab. FOTO: Fischer

Bis in den Nachmittag hinein dauerte das große Aufräumen. Noch 70 von 143 "Baustellen" gilt es abzuarbeiten - auch im Awo-Kindergarten, dessen Keller vollgelaufen war. Auf den Landstraßen kehrten die Straßenmeistereien Voerde und Kleve den Schlamm tonnenweise ab. Und dann tauchte auch am Raysebruch ein Lkw auf - von der Berufsfeuerwehr aus Krefeld, die nachts um drei Uhr nach Sonsbeck beordert worden war. Langsam aber stetig senkte sich auch der Wasserspiegel im Spira-Keller.

Ähnlich war die Lage in Xanten. Schon am Vormittag waren die Abwasserkanäle und Bäche voll bis Oberkante Unterlippe. Ein weiteres Unwetter wie das in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag bedeutete Land unter. 111 Liter pro Quadratmeter Niederschlag innerhalb weniger Stunden waren in den vergangenen 30 Jahren, also seit Aufzeichnung der Niederschlagsmengen bei der Lineg, Rekord. Die Feuerwehr war seit dem ersten Einsatz am Mittwoch um 18.30 Uhr pausenlos unterwegs. Unterstützt von Kollegen aus anderen Kommunen sowie von THW und DRK fuhren die Blauröcke bis sieben Uhr am nächsten Morgen 137 Einsätze. "Bislang sind zum Glück keine Personen zu Schaden gekommen. Wir hatten hauptsächlich erhebliche Sachschäden und umgestürzte Bäume", bilanzierte Bürgermeister Thomas Görtz gestern Mittag. Am spektakulärsten war der Erdrutsch auf der Bahnstrecke zwischen Alpen und Xanten, der die Nordwestbahn stoppte. Der Zug konnte jedoch aus eigener Kraft nach Millingen zurücksetzen.

Der Parkplatz des Aldi-Marktes in Xanten stand unter Wasser. FOTO: Fischer

Von einer Xantener Altstadt unter Wasser war gestern Mittag nichts mehr so sehen; das Marktgeschehen fand wie gewohnt statt. "Die Lage hat sich beruhigt", sagte Görtz im Pressegespräch am Mittag. Aber eine Entwarnung wollte er schon zu diesem Zeitpunkt nicht geben. "Das ist noch nicht alles gewesen." In der Tat kam kurz darauf eine neue Unwetterwarnung.

Haupteinsatzorte waren die Ortschaften Lüttingen und Beek. Auf der Alten Rheinstraße konnten wenige Höhenzentimeter entscheiden über einen Wassereinbruch im Keller oder nicht. In Häusern, die nur geringfügig tiefer lagen, liefen die Keller voll, manchmal war auch das Erdgeschoss noch betroffen. Die beiden Flüchtlingsunterkünfte an der Sonsbecker und der Bahnhofstraße (früher Carl-Cuno-Straße) mussten geräumt werden.

Überschwemmungen in Sonsbeck FOTO: Arnulf Stoffel

Die Schüler hatten gestern schulfrei, da am Morgen rund 30 Straßen unter Wasser standen und der Schulweg nicht im erforderlichen Maß als gesichert gelten konnte. Damit folgte die Stadt als Schulträger einer Empfehlung des Krisenstabs im Kreis Wesel. Wer sich dennoch in Unkenntnis der Schulschließung auf den Weg machte, wurde dort betreut. Auch für die Kindergärten hat die Stadt eine Empfehlung ausgesprochen, die Einrichtung vorübergehend zu schließen. Ob auch am heutigen Freitag Einrichtungen geschlossen bleiben, darüber will die Stadt unter anderem auf ihrer Homepage kurzfristig informieren.

Obwohl sich die Situation am Mittag etwas beruhigt hatte, schwele das Problem weiter, sagte Görtz. "Die oberflächige Lage hat sich entspannt, aber unser Abwassersystem ist voller Wasser." Die Ley an der Sonsbecker Straße als Entwässerungsvorfluter konnte die Wassermassen nicht mehr im erforderlichen Maß Richtung Norden abführen, so dass die Feuerwehr die Flut zusätzlich Richtung Osten in den Rhein pumpte. Die Lage kann sich verschärfen, sollte mehr Regen zur Beeinträchtigung oder zum Ausfall der Stromversorgung führen. "Das Umspannwerk ist bedroht, wenn große Regenmengen dazukommen", sagte Harald Rodiek, Vorstand des Dienstleistungsbetriebs Xanten.

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Quelle: RP
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