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Xanten
Vorlesestunde in elternfreier Zone

Xanten: Vorlesestunde in elternfreier Zone
Dagmar Moser (von rechts) ist von Anfang an dabei. Hier mit Büchereileiterin Anita Rosenberg und Mitarbeiterin Shirley Ettwig Für die Geburtstagsdeko für den Treffpunkt Ohrensessel sorgten (v. l) Julius, Timo, Aron, Lena, Milla und Jacob. FOTO: Ostermann Olaf
Xanten. Beim Treffpunkt Ohrensessel wird jeden Samstag von 11 bis 12 Uhr Kindern in der Bücherei vorgetragen. Von Heidrun Jasper

Wer lesen kann, ist im Vorteil. Wer noch nicht lesen kann, weil er noch zu jung ist, sollte sich samstags auf den Weg zur Stadtbücherei im Drei-Giebel-Haus am Dom machen - und vorlesen lassen. Von 11 bis 12 Uhr, ohne Anmeldung, einfach reinkommen, in der Stadtbücherei die Treppe hoch und die erste Abteilung ansteuern. Da, bei den Kinderbüchern, steht ein gemütlicher Sessel, in dem jeden Samstag jemand sitzt, der Kindern zwischen vier und sieben Jahren vorliest. Vorlesepaten nennen sich die sieben Frauen und zwei Männer, die seit 13 Jahren Geschichten vorlesen.

"Treffpunkt Ohrensessel" hat Büchereileiterin Anita Rosenberg die Reihe genannt, den Ohrensessel hat sie in einem Antikladen gefunden. "Er gehörte einem Ehepaar, das sich hat scheiden lassen und nicht einigen konnte, wer den Ohrensessel bekommt", erzählt sie. Warum ein Ohrensessel? "Um eine gemütliche Atmosphäre zu vermitteln. Ein Ohrensessel, das ist Geborgenheit."

Die Büchereileiterin, Ursula Schreiber, Anke Batke, Dagmar Moser, Sabine Rossek, Valerie Petit, Lioba Hülsmann, Dieter Börgers und ab und zu Thomas Görtz schlagen im Wechsel samstags im Ohrensessel neue Bilderbücher auf. Die Kinder sitzen auf einem Podest und hören zu, tauchen ab in eine Welt voller kleiner und großer Abenteuer. Und die Paten sind vorbereitet, bleiben den Kindern keine Antworten schuldig. Wer kleine Kinder hat, weiß: Sie stellen viele, viele Fragen.

In Kindergärten und Grundschulen aus dem gesamten Umland werben Anita Rosenberg und ihre Lese-Paten für die gute Sache, legen Flyer aus. Und sie haben treue kleine Zuhörerinnen und Zuhörer: "Viele, die mit vier oder fünf Jahren zu uns kommen, sind bis zum Ende der ersten Klasse dabei", sagt Anita Rosenberg. Viermal im Jahr treffen sich alle Vorlesepaten in der Bücherei, wählen Bücher aus, die die Leiterin bemerkens- und vorlesewert findet. Neuerscheinungen mit wichtigen aktuellen Themen, Klassiker, Märchen, Sachbücher.

Es sei themenabhängig, ob mehr Mädchen oder Jungen zur Samstags-Vorlesestunde in die Bücherei kommen. Manchmal sind es 25, an manchen Samstagen auch weniger Kinder. Ob denn auch Eltern dabei seien? "Nein, das ist hier eine eltern-freie Zone". Manchmal, wenn Kinder neu dazukommen, bleiben Mütter oder Väter in Sichtweite. Aber in der Regel sei das nicht nötig. "Hallo und guten Morgen: So beginnt bei uns der Tag": Weil Kinder Rituale brauchen, um zur Ruhe zu kommen, läuft die Lesestunde stets gleich ab. "Wir fangen immer mit dem gleichen Lied an. Am Ende singen wir dann das Lied vom Dackel Waldemar."

Längst sind auch die Vorlesepaten zu einer netten Gruppe zusammen gewachsen, die ab und an auch gemeinsam etwas unternehmen. Sie haben die Buchmesse in Leipzig besucht, haben bei der Dom-Musikschule unten im Haus an einem Trommelworkshop teilgenommen, waren kürzlich im Bilderbuchmuseum in Troisdorf: "Das ist wirklich eine Reise wert", schwärmen Lioba Hülsmann und Anita Rosenberg.

Gerne würden sie auch regelmäßig, Kindern aus den Flüchtlingsunterkünften vorlesen. So wie neulich, als mit Monzer und Nazir zwei Asylsuchende aus Syrien dabei waren, als die Geschichte von Otto, der kleinen Spinne vorgelesen wurde. Die beiden kommen regelmäßig in die Bücherei, um hier in Ruhe Deutsch zu lernen. Und sie waren sofort begeistert, als Anita Rosenberg sie fragte, ob man nicht gemeinsam vorlesen könnte, auf Deutsch und Arabisch.

Treffpunkt Ohrensessel findet jeden Samstag von 11 bis 12 Uhr in der Stadtbücherei im Dreigiebelhaus am Dom statt.

Quelle: RP
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