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Xanten
Xanten trauert um Willi Fährmann

Xanten: Xanten trauert um Willi Fährmann
Furcht vor einem leeren Blatt hatte der meisterhafte Erzähler Willi Fährmann nie: "Wenn mir irgendwann nichts mehr einfällt, stelle ich mich vor meinen Bücherschrank und sage: Es ist ja wohl auch genug." FOTO: Olaf Ostermann (Archiv)
Xanten. Es war die wunderbar modellierende Stimme, es waren die feine Gestik, die beredte Mimik, der liebevolle Humor, sein beherztes Lachen, und es war und ist der Stoff, der stimmig ist und zum Mitfühlen anregt: Willi Fährmann füllte einen ganzen Raum, wenn er das tat, was ihm (mit) am liebsten war: vorlesen und erzählen. Von Heinz Kühnen

Jetzt ist der große Geschichtenerzähler tot. Am Feiertag Christi Himmelfahrt ist der Xantener Jugendbuchautor im Alter von 87 Jahren gestorben.

Und Xantener war Fährmann tatsächlich - mit Leib und Seele, auch wenn er nicht auf eine 400-jährige Familiengeschichte im Ort verweisen konnte, wie er angesichts derart pittoresker Ansichten manch stolzer Eingesessener wiederholt lächelnd anmerkte. Nach Xanten zog es den Duisburger schon als Kind. Der Nibelungen und der Römer wegen. Aber damals reichte das Geld der Eltern nur für einen Ausflug vom Stadtteil Beeck nach Götterswickerham. Und so musste der begeisterte Tischtennisspieler der DJK Ruhrort sich mit dem Lauschen begnügen. Mit dem Zuhören, wenn sein Vater, der bei der Königbrauerei arbeitete, vorlas, Tag für Tag erzählte und über aller Intensität sogar das Sauerkraut auf dem Herd anbrennen ließ; wenn Klein-Willi auf Omas Schoß saß und mit ihren Geschichten auch aus ihrer Heimat Ostpreußen träumte; wenn Lehrer Ufermann selbst den sprödesten Stoff durch Geschichten und Geschichte packend an die Kinder bringen konnte. Fährmann selbst, der nach eigenen Worten durch die katholische Jugendarbeit geprägt wurde und erst eine Maurerlehre absolvierte, genoss diese vertraute Atmosphäre, hat sie bewahrt und literarisch verarbeitet.

1963 erfüllte sich sein Jugendtraum. Nachdem er über eine Begabtensonderprüfung studieren durfte, war er neun Jahre lang als Volksschullehrer in Duisburg tätig und wurde 1963 Leiter der damals neuen Schulform Hauptschule in - Xanten. Allerdings: "Meine Frau und ich", so erinnert er sich in der Erstauflage von "Du mein Xanten" von Tim Michalak, "sind skeptisch nach Xanten gezogen. Wir wollten zwar dort wohnen, wo ich auch meinen Dienst tun konnte. Aber von der Großstadt Duisburg in das damals eher verschlafene Nest am Niederrhein? Das war zu der Zeit, als uns bei der Fahrt mit dem R4 über die Bundesstraße wiederholt zwischen Rheinberg und Xanten nicht ein einziger PKW begegnete. Aber dann erlebten wir eine freundliche Aufnahme und entdeckten, dass auf die Einwohnerzahl bezogen die Teilnahme am kulturellen Angebot erheblich stärker war als in der großen Stadt. Wir lebten uns schnell ein, und nach einem Jahr war kein Gedanke mehr daran, Xanten den Rücken zu kehren... Wenn wir (heute) aus Richtung Ruhrgebiet uns der Stadt nähern, die herrlichen Altrheinarme passieren, dem Dom zuwinken können, dann wissen wir, wir sind zuhause."

In einer Mietwohnung an der Klever Straße und dann in seiner Dichter-Klause im zentrumsnahen Domizil fand er in der Familie mit seiner Frau Elisabeth und drei Kindern den Lebensmittelpunkt und die Ruhe für seine Recherchen. Im Jahr 1989 ehrte ihn Xanten als ersten mit dem Nibelungenring. Denn der Xantener, der mit 20 Balladen im Buch "(K)eine wie diese" auch einen literarische Liebeserklärung verfasst hat, stand in der Domstadt immer seinen Mann. Unübersehbar die große Vater-Gestalt auf dem Pausenhof und beim regelmäßigen Messbesuch im Dom. Unübersehbar seine Handschrift in jener CDU-Riege, die zu Beginn der Amtszeit von Stadtdirektor Heinz Trauten das Layout für eine touristisch orientierte Zukunft des heutigen Luftkurorts entwarf. Und von ihm stammt die Idee, das Labyrinth von Chartres auf Xantens Markt zu importieren. Es wurde farbenschwach und rechteckig. Fährmann nahm es schulterzuckend zur Kenntnis. Immerhin: Es ist kein Irrweg, sondern ein Labyrinth alter Schule: Der Weg führt immer ins Ziel im Zentrum.

Quelle: RP
 
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