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Xanten
Zwölf Schüler löchern Bürgermeister Görtz

Xanten: Zwölf Schüler löchern Bürgermeister Görtz
Es geht auch ohne Computer: Marie, 9 Jahre alt, schrieb ihre Fragen feinsäuberlich in bester Handschrift auf. FOTO: Armin Fischer
Xanten. Schreibwerkstatt mit dem Journalisten und Buchautor Thomas Hesse in der Stadtbücherei in Xanten. Von Heidrun Jasper

Sie sind zu zwölft, neun bis 14 Jahre alt und treffen sich seit sechs Wochen jeden Montag um halb fünf in der Stadtbücherei im Dreigiebelhaus. Dort wartet schon Thomas Hesse auf die Kinder: Der Redakteur der Rheinischen Post nutzt auch in seinem Ruhestand jede Möglichkeit, bei jungen Menschen die Erzähllust und die Lust am Schreiben zu wecken. Schreibwerkstatt nennt sich das Angebot, Stift und Papier ersetzen das Tablet oder iPad. Und die elf Mädchen und Namo, der einzige Junge, sind eifrig dabei, sich spaßige und phantasievolle Geschichen auszudenken, niederzuschreiben und der Gruppe vorzulesen, lernen dabei auch, konstruktive Kritik anzunehmen.

Zu ihrem letzten Treffen hatten sie Bürgermeister Thomas Görtz eingeladen, wollten ihn interviewen. Auch darauf hatten sie sich mit Thomas Hesse vorbereitet, hatten sich Gedanken gemacht, wie man jemanden interviewt, eine Reportage schreibt. Und sie hatten sich die berühmten "W"-Fragen notiert: Wie heißen Sie ("Thomas Görtz"), was wollten sie als Kind mal werden ("Bundeskanzler, danach Arzt. Aber ich kann kein Blut sehen"), warum wollten Sie Bürgermeister werden ("Ich war immer schon politisch, habe gerne diskutiert. Als Bürgermeister kann man etwas verändern, bewegen, mitgestalten"), wo sind Sie am liebsten ("zu Hause, auf der Terrasse mit meiner Familie"), was würden Sie auf eine Insel mitnehmen ("meine Frau, meinen Sohn und mein iPad - man sagt mir nach, dass ich ohne iPad nicht mehr existieren kann").

Thomas Hese (links) moderiert gelassen die Fragerunde, Thomas Görtz (dr. von links) steht geduldig Rede und Antwort. Er berichtete, dass er sich bemüht, ein Kino nach Xanten zu holen. FOTO: Armin Fischer

Ob er den anderen Bürgermeister, den vor ihm, mochte, will Marie wissen. "Puh. Tja. Wir waren Kollegen, haben gut zusammengearbeitet, sind gut klar gekommen". Wie lange arbeiten Sie jeden Tag, fragt Noemi. "12 Stunden mindestens, es können auch schon mal 15 Stunden sein. Da kommt schon 'was zusammen", antwortet Görtz, der in Heinsberg geboren wurde, am liebsten Bücher von John Grisham liest ("ein Buch muss spannend sein, mich auf andere Gedanken bringen"), gerne um die Südsee joggt, ein Studium Richtung Stadtverwaltung gemacht hat ("so Bürokratenkram halt"), Leute wie Boris Becker bewundert ("er hatte Kampfgeist und Siegeswillen"), seit dem 1. Juni 2014 Bürgermeister in Xanten ist und dessen schwerste Entscheidung es war, "einen langjährigen Mitarbeiter zu entlassen, weil er sich kriminell verhalten hat. Das zu erfahren war hart".

"Wollen Sie 'was an verändern", fragt Marie; "Ja, durchaus. Ich möchte zum Beispiel mehr tun für Menschen, die Hilfe brauche, die nicht so viel Geld haben, die Pech im Leben hatten". Und er wolle mehr für die Umwelt tun, auch wenn das im Moment nicht so aussehe, so Görtz mit Blick auf die Baumfäll-Aktion im künftigen Kurpark. "Haben Sie Feinde", will Namo wissen, und ob er eigentlich Zugang zu Sachen hat, die der Normalbürger nicht hat. "Feinde? So würde ich das nicht nennen. Aber es gibt sicher Menschen, die mit dem, was ich mache oder entscheide, nicht so ganz einverstanden sind." Und er wolle nicht anders behandelt werden als andere Menschen, keine Vorteile aus seinem Amt ziehen.

Nehmen Sie manchmal Geschenke an, will Alina wissen. "Nein, das ist bei mir verboten, das dürfen auch meine Mitarbeiter im Rathaus nicht." Denn meistens würden dafür Gegenleistungen erwartet, "das nennt man Korruption, Bestechung". Ja, sagt er auf eine andere Frage, die Arbeit als Bürgermeister sei manchmal anstrengend, und man sei auch oft unterwegs. Aber das mache den Beruf auch interessant. Xanten, so meldet sich ein Kind zu Wort, "ist für junge Leute zu altmodisch. Wie wollen Sie die Stadt moderner machen? Wollen Sie vielleicht ein Kino hier hin holen?" "Ich bin an dem Thema dran", erklärt Görtz, und: "Ja, viele Leute sagen, dass wir immer mehr zu einem Altenheim werden".

Wie er es eigentlich findet, dass Flüchtlinge gekommen sind, will Nami wissen, der in Deutschland geboren ist, dessen Eltern aus dem Irak kommen. "Wer seine Heimat verlassen musste, hatte seine Gründe". Und die 350 Flüchtlinge, die in Xanten leben und gut untergebracht seien, "nehmen den 22 000 Xantener bestimmt nichts weg". Görtz sieht das wie Kanzlerin Merkel: "Das schaffen wir doch wohl, auch in Xanten".

Schnell, eigentlich zu schnell war die Stunde vorbei, die für das Interview mit dem Bürgermeister eingeplant war. Fragen über Fragen hatten die interessierten Kinder an Görtz, der jede Frage klar und ehrlich beantwortete und gespannt ist auf die Auswertung der Fragestunde.

Denn das ist ihre nächste Aufgabe in der Schreibwerkstatt: Das, was sie vom Bürgermeister erfahren haben, niederzuschreiben!

Quelle: RP
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