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Reinhold Messner im Interview
Der Berg nimmt Menschen die Moral

Reinhold Messner im Interview: Der Berg nimmt Menschen die Moral
Der Bergsteiger Reinhold Messner war schon auf dem Mount Everest. Ihn fasziniert aber nicht der Berg, sondern der Mensch, der ihn erklimmt. FOTO: dpa
Elf Bücher hat Reinhold Messner in den vergangenen fünf Jahren geschrieben. Sie handeln von prominenten Kletterern und Messners Lebenserfahrungen. Ihn fasziniert nicht der Berg, sondern der Mensch, der ihn erklimmt. Von Oliver Burwig

Seit einem Jahr liegt das autobiografische "ÜberLeben" in den Regalen der Buchhandlungen, im Sommer folgte das dokumentarische Buch "Absturz des Himmels". Darin beschreibt Reinhold Messner (71) zusammen mit dem italienischen Bergsteiger Jean-Antoine Carrel einen Charakter, in dem er sich selbst wiederfindet. In einer Vortragsreihe will er nun darüber sprechen, wie Bergsteigen Menschen verändert – und warum es ihre wahre Natur zeigt.

In Ihrem neuen Buch geht es um zwei Bergsteiger im 19. Jahrhundert. Findet man heute noch etwas von ihrem Geist?

Messner Ich habe weniger über die Menschen geschrieben, sondern vielmehr über zwei Lebenshaltungen: Carrel, der seine Verantwortung als Expeditionsleiter bis zum Tod trug, und Edward Whymper, der sie ungerechterweise abschob. Das ist das Thema von "Absturz des Himmels": Verantwortung.

Identifizieren sie sich mit Carrel?

Messner Natürlich, das merkt jeder, der das Buch liest. Meine Biografie ist seiner sehr ähnlich. Ich teile seine Sicht auf die Erlebnisse, die er bei der Besteigung des Matterhorns gemacht hat. Das geht aber nicht so weit, dass ich meine Biografie versteckt in das Buch gelegt hätte.

Carrel hat das Matterhorn im Jahr 1865 bestiegen. Er hielt sich an die Bergsteigertabus, Sie brachen sie immer wieder...

Messner Natürlich habe ich Carrel in seine Zeit gestellt. Ich habe damit kein antiquiertes Bild gezeichnet, sondern eines aus der Zeit, in der er gelebt hat. Er war ein bäuerlicher Mensch, der zufällig zum Bergsteigen kam, weil er neugierig war. Aus ihm wurde ein großer Bergsteiger und später ein Bergführer, weil er naiv zum Klettern kam. Ich habe eine andere Geschichte hinter mir: Als ich anfing, habe ich neue Wege im Gebirge gesucht.

Gibt es noch Tabus in der Kletterwelt?

Messner Tabus sind kaum noch vorhanden, würde ich sagen. Es gibt aber immer noch das Unmögliche, Herausforderungen, die entstehen, weil junge, kreative Leute die Berge auf neuen Wegen erleben wollen. Es gilt, das Unmögliche möglich zu machen, darum ging es schon immer.

Sie sind als harter Kritiker moderner Bergsteigerfilme bekannt. Haben sie "Everest" gesehen?

Messner "Cliffhanger" war noch schlimmer, dafür hatte "Everest" doppelt so viel Geld zur Verfügung. Genau genommen macht ihn das zum schlechteren Film. Beide Filme beantworten die Fragen des Bergsteigens nicht. Das Schlimmste ist, dass der "Everest"-Regisseur versucht hat, mit Plastikbergen zu arbeiten, und davor stehen dann Schauspieler auf einer Ski-Piste vor einem Green Screen. Du siehst, dass sie nicht in dieser Situation sind.

Der Everest-Tourismus hat das Bergsteigen für viele Menschen entzaubert, weil er ein falsches Bild davon vermittelt.

Messner Und der Film tut es wieder! Wenn ich auf einer Piste auf den Everest steige, dann ist das einfach ein Trampelpfad. Das ist nicht der gefährlichste Ort der Welt, als der er dargestellt wird. Es ist eben sehr schwierig, diese Einsamkeit, das Verlorensein, diese Kälte auf die Leinwand zu bringen. Bei "Everest" hat man zudem auch nicht den richtigen Stoff dafür gewählt. Man hätte Geschichten erzählen können, wie dieser Tourismus entsteht und was da im Hintergrund für Charaktere unterwegs sind. Dass der Everest zum Gipfel der Einsamkeit verklärt wird, will ich nicht kritisieren, die Leute sollen ihren Tourismus haben. Mit Alpinismus hat das aber nichts zu tun.

Versuchen Sie, dem Bergsteigen seine Faszination zurückzugeben?

Messner Ich war gerade in Afrika, um als Regisseur an einem Film über den Mount Kenia zu arbeiten. Wir versuchen, am richtigen Tag mit echten Bergsteigern diese Bilder einzufangen, die Einsamkeit und die Verzweiflung. Das ist die Kunst: Sorgen und Ängste zu zeigen, die entstehen, weil man fern der Zivilisation in Lebensgefahr schwebt. Ob es uns gelingt, muss man sehen.

Gibt es sie für sie überhaupt noch, die Grenze zwischen Alltag und Wildnis?

Messner Man kann sehr viele Erfahrungen aus dem Bergsteigen in das normale Leben stellen. In der Wildnis gibt es keine Gesetzgeber, Religion oder Moral. Wir kommen am ehesten an die wahre Menschennatur heran, wenn wir aus der Zivilisation herauskatapultiert werden. Das Interessante ist für mich immer, wie wir als Menschen ohne den moralischen Mantel wirken.

Mit Reinhold Messner sprach Oliver Burwig. 

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