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Ausblick auf 2016
Was Ihnen im neuen Jahr passieren kann

2016: Was Ihnen wahrscheinlich im neuen Jahr passiert
FOTO: dpa, jbu lof
Düsseldorf. Erich Kästner wusste es genau. In seinem Silvestergedicht bringt er unumstößliche Tatsachen zu Papier. "Wird's besser? Wird's schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!" Das gilt auch 2016. Von Martin Kessler

Der Kölner Statistik-Professor Karl Mosler würde in diesem Zusammenhang von sicheren Ereignissen sprechen. Mit dem Leben wird es irgendwann einmal zu Ende sein. Das gehört zu den Tatsachen, die sicher eintreten. Nur den Zeitpunkt kennen wir nicht. Hier setzt die Statistik an. Und dafür hat der frühere Vorsitzende der Deutschen Statistischen Gesellschaft auch Tröstliches parat. "Mit jedem Jahr, das ich älter werde, steigt die Erwartung für meine Restlebensdauer."

Das ist simple Statistik. Denn wenn jemand ein Lebensjahr überstanden hat, in dem andere Gleichaltrige bedauerlicherweise gestorben sind, erhöht sich dadurch automatisch die Wahrscheinlichkeit, noch länger zu leben. Die "schlechten Risiken" sind ausgeschieden. Wer also Silvester überlebt, hat wieder ein paar Monate Lebenszeit gewonnen.

Die Aussichten sind statistisch gesehen ganz gut

Doch auch ansonsten sind trotz Terror, Flüchtlingskrise oder Euro-Turbulenzen die Aussichten für 2016 statistisch gesehen nicht schlecht. Fangen wir mit den negativen Dingen an. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terrorangriff umzukommen, liegt in Deutschland nach Werten aus der Vergangenheit bei 1 zu einer Million. Am islamistischen Terror sind hierzulande bislang zwei unschuldige Menschen gestorben - beim Angriff eines Kosovo-Albaners auf amerikanische Soldaten am Flughafen Frankfurt. Das muss nicht so bleiben. Aber die Wahrscheinlichkeit bleibt extrem gering.

"Es ist sogar wahrscheinlicher, durch einen Blitzschlag zu sterben als durch einen Terrorangriff", meint der Kölner Statistiker Mosler. Er erzählt von seinem Aufenthalt in Israel während der Zeit der Intifada, als fast täglich ein Selbstmordattentat der Palästinenser das Land in Angst und Schrecken versetzte. Trotzdem, so Mosler, seien auch in dieser Zeit mehr Touristen durch Badeunfälle im Mittelmeer ums Leben gekommen als durch Selbstmordattentäter.

Nach Zahlen geht es uns immer besser

Der Mensch schätzt offenbar Risiken systematisch falsch ein. Angstbesetzte Themen erregen eben große Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die BSE-Seuche, die Rinder in ganz Europa in den Wahnsinn trieb. Wochenlang beherrschten die Bilder von verbrannten Tieren die elektronischen Medien. Eine Übertragung von BSE auf den Menschen lag förmlich in der Luft. Inzwischen stellt der renommierte Statistik-Professor Mosler fest: "Am Rinderwahnsinn BSE ist meines Wissens in Deutschland niemand gestorben. Hier war die Wahrscheinlichkeit praktisch null."

Tatsächlich geht es uns allen immer besser. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen lag in diesem Jahr bei 77 Jahren und neun Monaten, bei einem Mädchen sogar bei 82 Jahren und zehn Monaten. Das dürfte 2016 noch ein bisschen besser sein, weil die Lebenserwartung seit Jahren zunimmt. Also kein Grund zur Panik. Denn auch die Krankheitsstatistiken weisen für die einzelnen Jahrgänge immer bessere Werte aus. Wir werden alle im Schnitt älter und gesünder. Der amerikanische Bevölkerungswissenschaftler Julian Simon hat daraus sogar den Schluss gezogen, dass es kein Umweltproblem gäbe. Soweit wird sein deutscher Kollege Mosler mit Sicherheit nicht gehen. Aber an seinem letzten runden Geburtstag bekam der 68-Jährige von einem Statistik-Kollegen die einschlägigen Sterbetafeln in neuester Auflage geschenkt - mit der Anmerkung, dass Beamte, zu denen Professoren nun mal zählen, im Schnitt noch länger lebten.

An der Börse hilft selbst Wahrscheinlichkeit nicht mehr

Mit der Statistik ist eben ein Staat zu machen. Als immer stärker verfeinerter Werkzeugkasten hilft sie, Lebensrisiken zu minimieren, den Wohlstand zu steigern oder einfach nur die richtigen Entscheidungen zu treffen, gerade auch für 2016. Versicherungen sind so ein Fall, bei dem Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung weiterhelfen. "Die Menschen, die sich nicht ständig mit Statistik beschäftigen, machen oft den Fehler, kleine Wahrscheinlichkeiten zu überschätzen", meint Mosler. Das bedeutet, dass er die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schäden für deutlich größer hält, als sie tatsächlich sind. Wer etwa eine Versicherung für den möglichen Bruch eines Bildschirms abschließt, die ein Fünftel des Kaufpreises beträgt, macht mit Sicherheit ein schlechtes Geschäft. Auch Handy-Versicherungen, die Absicherung einer Flugreise oder die berühmte Kfz-Insassenversicherung sind nach Ansicht von Experten unnötig. "Viele Versicherungen leben davon", ist der gelernte Mathematiker Mosler überzeugt. Tatsächlich ist nur die Absicherung des Krankheitsfalls, eine allgemeine Haftpflicht, Brand- und Rechtsschutz und eine Restschuldversicherung notwendig.

Weniger leistet die Wahrscheinlichkeitsrechnung dagegen auf einem anderen Gebiet. Obwohl die Programme immer ausgefeilter werden, lässt sich mit Einsatz von Statistik an Finanzmärkten systematisch nichts verdienen - auch im Jahr 2016. "Für Manager von Aktienfonds sind in der kurzen Frist nur Gewinne möglich, wenn sie bessere Informationen als der Markt haben", meint Mosler, der sich als Wirtschaftsstatistiker auch mit Finanzmärkten befasst hat. Da hilft kein noch so komplexer Algorithmus. Denn in einem Markt, der gut funktioniert, sind alle Informationen im Preis enthalten. Ob man eine bestimmte Aktie hält oder verkauft, darüber kann man eine Münze werfen. Sie würde, was die Vermögensvermehrung betrifft, zum gleichen Ergebnis führen wie raffinierte Bewertungskalkulationen. Dafür liefert die Statistik eine andere Einsicht. Mosler: "Es ist für Manager von Aktienfonds extrem schwer, den Markt zu schlagen. Die meisten aktiv gemanagten Fonds schneiden nicht besser ab als Indizes, die den Markt nur abbilden."

Am Ende zählt etwas ganz anderes

Auf jeden Fall lohnt es sich, genauer auf Statistiken zu schauen. Ein eindringliches Beispiel liefert Mosler mit dem Fall der Anti-Babypille der dritten Generation. Britische Mediziner hatten in einer Studie festgestellt, dass sechs statt drei Frauen unter 20.000 untersuchten Konsumentinnen durch das Medikament eine Thrombose erlitten. Daraus wurde die Schlagzeile, das Risiko eines tödlichen Blutgerinnsels durch die Pille hätte sich von der zweiten zur dritten Generation verdoppelt. Etliche Frauen setzten das Verhütungsmittel ab, wurden ungewollt schwanger und wählten statt der Pille eine Abtreibung. Deren Risiken sind jedoch weit höher. Deutlich mehr Frauen starben als Folge dieses Eingriffs als durch das leicht erhöhte Risiko bei der Pille. Nicht nur in diesem Fall warnt der Statistiker Mosler: "Man sollte den Handwerkskasten Statistik nicht mit der Wirklichkeit verwechseln." Wichtig bleibt eben nach wie vor der Realitätstest. Das wird auch 2016 nicht anders sein.

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Quelle: RP
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