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Paris
89 Sekunden Schweigen für 89 Opfer

Paris. Die Eagles of Death Metal sind wieder in Paris aufgetreten - vor Überlebenden des Anschlags und Hinterbliebenen. Von Christine Longin

Es war mehr als ein französisches Chanson, das am Dienstag um kurz nach neun Uhr abends im Pariser Konzertsaal Olympia erklang. "Paris s'éveille" - Paris erwacht - lautete die Hymne an die französische Hauptstadt, die die Rockgruppe Eagles of Death Metal zum Auftakt ihres Konzerts ausgesucht hatte. Die Band, die am 13. November im Konzertsaal Bataclan brutal von Terroristen mit Kalaschnikows unterbrochen worden war, kehrte zurück, um ihren Auftritt von damals zu Ende zu bringen. Mit rotem Umhang wie ein römischer Triumphator betrat Bandleader Jesse Hughes sichtlich bewegt die Bühne. Mitten in ihrem ersten eigenen Song "I only want you" stoppte die Band kurz für einen "Moment der Erinnerung" an die Opfer des Anschlags. "89 Sekunden Schweigen bitte. Lasst uns einen Augenblick gedenken, und dann haben wir wieder Spaß", sagte der bärtige Frontmann mit der rosa Sonnenbrille.

Hunderte Überlebende der Anschläge und Angehörige waren unter den 2000 Besuchern im legendären Olympia, das für das Ereignis unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stand. Die Besucher mussten Sicherheitsschleusen und Metalldetektoren passieren, um in den Saal zu kommen, in dem bereits Edith Piaf gesungen hatte. Psychologen standen bereit, um die immer noch traumatisierten Opfer zu betreuen. Ein Dschihadistenkommando hatte am 13. November das mit 1500 Besuchern voll besetzte Konzert der Rockband gestürmt und 89 Menschen getötet. Ein Anwohner des Clubs starb durch eine verirrte Kugel.

"Wir mussten es zu Ende bringen", sagte Emmanuel Domenach, einer der Überlebenden des Konzerts, im Fernsehen. "Ich habe heute ein neues Kapitel aufgeschlagen." Auf das Lied "Kiss the Devil", das sie zum Zeitpunkt der Attacke gesungen hatten, verzichteten die Eagles of Death Metal bewusst. "Ich bin heute Pariser", sagte Hughes, der sich auf der Bühne eine französische Flagge um die Schultern legte und auch ein T-Shirt mit der englischen Aufschrift "Ich möchte in Paris sein" zeigte. "Ich brauchte euch, und ihr habt mich nicht im Stich gelassen." Zuvor hatte der dem Sender iTélé gesagt, er wolle einfach versuchen, das Konzert zu beenden, "sodass alle einen Teil dieses schlimmen Zeugs hinter sich lassen und im Herzen mehr Platz für bessere Sachen schaffen können".

Der Bandleader hatte mit Interviews zur Waffengesetzgebung vor dem Konzert für Aufregung gesorgt. Bis niemand mehr Waffen habe, müsse vielleicht jeder Waffen haben. "Hat Ihre französische Waffenkontrolle den Tod einer einzigen Person verhindert?", fragte er, nachdem ihn eine Journalistin auf das Thema angesprochen hatte. Dem Sender Canal+ sagte er: "Ich bin kein Held, aber wenn ich eine Waffe gehabt hätte, hätte ich etwas ändern können - und ich wäre bereit gewesen, es zu tun."

Hughes hatte in der Horrornacht einen Konzertbesucher in der Garderobe unter seiner Lederjacke versteckt und so vor dem Tod bewahrt. Er und die anderen Bandmitglieder hatten sich vor den Terroristen auf die Straße retten können, doch ein Verkäufer von Fanartikeln und drei Mitarbeiter ihres Musiklabels Universal starben. In mehreren Interviews hatte die Gruppe hinterher den Alptraum geschildert.

"Nos amis" (unsere Freunde) heißt der französische Titel der Tour, die die Band seit Samstag wieder durch Europa führt. Im November hatten die Musiker nach den Anschlägen alle Auftritte abgesagt und waren lediglich als Überraschungsgast in einem Konzert von U2 in Paris aufgetreten. Zum Gedenken führte sie ihr Weg damals auch vor das Bataclan. Der Konzertsaal, der nach Renovierungsarbeiten zum Jahresende wieder öffnen soll, ist auch das nächste Ziel der Eagles of Death Metal: sie wollen die Ersten sein, die wieder darin spielen.

Quelle: RP
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