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Amsterdam
Abmalen erwünscht

Amsterdam. Neun bis 15 Sekunden verbringen Besucher vor einem Kunstwerk. Das Amsterdamer Rijksmuseum will, dass sie genauer hinschauen - indem sie selbst zeichnen. Von Martina Stöcker

Jeden Samstag werden Besucher des Rijksmuseums in Amsterdam beschenkt. Sie bekommen einen Bleistift und einen Skizzenblock, denn samstags ist "Zeichentag". "Wir haben bemerkt, dass viele Besucher außerhalb unserer Workshops gar nicht zeichnen und sich auch nur selten hinsetzen, um in Ruhe ein Bild zu betrachten", sagt eine Sprecherin des Museums. Deshalb wurde die Kampagne "#startdrawing" gestartet: Sie animiert die Menschen zum Zeichnen, unter dem Stichwort #startdrawing werden die eigenen Malversuche meist samt Vorbild in sozialen Netzwerken veröffentlicht.

Heutzutage werden in vielen internationalen Museen die Gemälde schnell mit dem Handy abfotografiert, mancher Besuch gleicht einem Schnelldurchgang durch den Katalog - mehr passiver und oberflächlicher Konsum als beeindruckender Genuss. "Unsere Kampagne richtet sich nicht gegen die Fotografie oder verbannt Handys", betont das Museum. "Wir wollen vielmehr die Menschen ermutigen, sich die Kunst wirklich anzuschauen und sie auf eine andere Art zu genießen - nämlich beim Zeichnen." Denn dabei sehe man viel mehr, die Beschäftigung mit dem Bild sei intensiver.

Im Durchschnitt verweilen die Besucher nur zwischen neun und 15 Sekunden vor einem Bild - und das gilt sogar nur für die weltberühmten Gemälde wie Rembrandts "Nachtwache". "Wir hasten durch unseren Alltag, und auch einen Museumsbesuch absolvieren wir schnell und in Eile", sagt die Sprecherin. Mobiltelefone lenken die Besucher ab, die lieber ein schnelles Selfie vor den Gemälden machen als sich intensiv damit zu beschäftigen. Wer sich in diesen Prozess hineinbegebe, werde viel mehr entdecken.

Bei den Fotos, die Besucher von ihren ersten Versuchen veröffentlichen, stehen oft selbstkritische Worte. So schreibt eine Zeichnerin, die sich an einer Pietro Torrigiani zugeschriebenen Skulptur versucht hat, ihr Gemälde sehe eher aus wie eine "gemein dreinblickende Schuldirektorin mit zu viel Make-up als Maria als Mater Dolorosa". Außerdem sei ihr der Schleier nicht gelungen, weil sie ihre Zeichenposition nicht mehr länger habe halten können. Die Museumsmitarbeiter betonen jedoch, dass die Besucher nicht zu streng über ihre Skizzen urteilen sollten. Niemand brauche großes Talent. Es gehe nicht um das Ergebnis, sondern vielmehr um die Erfahrung und die Freude. "Wir hoffen, dass #startdrawing unsere Besucher inspiriert, die Schönheit der Kunst besser zu genießen."

INFO Rijksmuseum, Museumstraat 1, Amsterdam, 9 bis 17 Uhr, Erw. 17,50 Euro, www.rijksmuseum.nl/en/startdrawing

Quelle: RP
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