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Schröder bei Gedenkgottesdienst im Erfurter Dom: Amokläufer tötete durch gezielte Kopfschüsse

zuletzt aktualisiert: 27.04.2002 - 19:12

Erfurt (rpo). Nach jüngsten Ermittlungen der Polizei hat der Amokläufer von Erfurt viele seiner Opfer mit gezielten Kopfschüssen getötet. Bundeskanzler Gerhard Schröder legte am Tatort als Zeichen seiner Anteilnahme einen Kranz nieder und besuchte den Gedenkgottesdienst im Erfurter Dom.

Begleitet von einer intensiven Suche nach dem Motiv für den Amoklauf hat zudem eine breite Diskussion über die Folgen des in Deutschland beispiellosen Verbrechens begonnen.

Schröder trug das Gesteck mit weißen und gelben Blumen zum Eingang der Schule. Seine Frau Doris Schröder-Köpf hatte Tränen in den Augen. Eine Minute verharrte das Paar in Schweigen vor dem Portal, das nach dem Geschehen vom Freitag mit Blumen und Kerzen übersät war. Die Schleife an dem Gesteck trug die schlichte Aufschrift: "In tiefer Trauer."

Bischof Joachim Wanke sprach bei dem ökumenischen Gottesdienst im Erfurter Dom von Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer. "Entsetzen darüber, dass ein junger Mensch zu einem solchen Verbrechen fähig ist; Ratlosigkeit darüber, wie diese Tat erklärt werden kann und Trauer über die Toten und Mitgefühl für die betroffenen Familien." "Der Mensch ist mehr als das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse." Er könne sich zum Guten entscheiden, auch unter widrigen Verhältnissen. "Der jugendliche Mörder von gestern wollte es nicht. Tausende andere junge Menschen aber tun dies. Das sollten wir auch in dieser dunklen Stunde nicht vergessen", sagte Wanke.

Ministerpräsident Vogel: Täter tötete durch Kopfschüsse

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel sagte am Mittag, der 19-jährige Täter sei ein ausgebildeter Schütze gewesen. "Er tötete viele seiner Opfer durch Kopfschüsse." Ein Komplize galt als unwahrscheinlich, wurde aber weiter nicht ausgeschlossen. Die Polizei korrigierte die Zahl der Toten auf 17. Die zehn Verletzten waren am Samstag außer Lebensgefahr. Der Opfer soll erneut am 3. Mai im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau in einer zentralen Trauerfeier in Erfurt gedacht werden.

Der Täter war Mitglied im Polizeisportverein und einem Erfurter Schützenverein. Er besaß seine Waffen legal. Nach bisherigen Ermittlungen sind aus der gefundenen Pumpgun keine Schüsse abgegeben worden, aus der Pistole dagegen über 40 Schüsse. In der Toilette der Schule und der Wohnung des Täters wurden weitere erhebliche Mengen Munition sichergestellt, insgesamt 1200 Schuss. Die Ermittlungen werden voraussichtlich bis Montag dauern.

Beherzter Lehrer beendete Amoklauf

Ein Polizeisprecher bestätigte, dass ein mutiger Lehrer am Freitag den Amoklauf beendet hatte. Der Mann habe den Täter während des Kugelhagels angesprochen und in dem Zimmer einschließen können, in dem der Jugendliche sich später erschoss. Außer dem Täter, einem Polizisten und zwei Schülern starben 13 Lehrer, ein Viertel des Kollegiums. Bei den zwei toten Schülern handelt es sich um ein 14- jähriges Mädchen und einen 15-jährigen Jungen.

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin forderte eine Aufarbeitung der gesellschaftlichen Ursachen. Man müsse sich fragen, wie ein Mensch so verzweifelt und isoliert sein könne, sagte sie in Karlsruhe. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber forderte in München die Medien zu mehr Zurückhaltung bei der Darstellung von Gewalt auf. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rief für kommenden Montag die rund 40 000 Schulen in Deutschland zu einem "Tag der Besinnung" auf. Der Deutsche Schützenbund sagte das Bundeskönigs-Schießen des 51. Deutschen Schützentages in Suhl ab.

Der 19-Jährige wurde vor einigen Monaten vermutlich wegen Urkundenfälschung der Schule verwiesen, darunter waren gefälschte Atteste. Mitschüler und Bekannte beschrieben den Täter als ruhig, intelligent, kontaktfreudig und beliebt. Er habe aber große Schwierigkeiten mit den Zwängen des Schulalltags gehabt und fiel vor einem Jahr durch die Abitur-Prüfung. Eine Mitschülerin: "Er wollte immer auffallen und ist dabei bei den Lehrern angeeckt."

Im Lauf der Nacht zu Samstag wurden alle Leichen aus dem Schulgebäude in die Gerichtsmedizin gebracht. Auch am Samstagvormittag hielten immer wieder Autofahrer, um Blumen niederzulegen. Hunderte trugen sich in das Kondolenzbuch der Stadt ein. Wie schon am Abend zuvor bildeten sich lange Schlangen vor dem Rathaus.

In einem dpa-Gespräch sagte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (Gießen), ein Amoklauf wie in Erfurt sei nur äußerst schwer zu verhindern. "Es muss sich eine ungeheuere Rachewut und Fantasie des mörderischen Verbrechens angesammelt haben, in Verbindung mit der Vorstellung, dass alle Welt über ihn sprechen würde." Seine Tat habe der Mann sicherlich sehr sorgfältig geplant.

Quelle: RPO Archiv

 
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