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Düsseldorf
Der Anfang vom Ende

Düsseldorf. Heute vor 75 Jahren überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. In wenigen Wochen wollten die deutschen Generäle in Moskau sein. Doch schon Ende 1941 war das "Unternehmen Barbarossa" und damit der Krieg verloren. Von Helmut Michelis

Erst 1955, zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erreichte Bundeskanzler Konrad Adenauer durch seine Verhandlungen mit Moskau die Heimkehr der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion; zurück blieben Hunderttausende von Gräbern und tiefe Narben im deutsch-russischen Verhältnis. Auf dem Gebiet des späteren Ostblocks kamen im Zweiten Weltkrieg bis zu 3,5 Millionen deutsche Soldaten ums Leben - mehr als doppelt so viele, wie in den Kriegsgräberstätten im Westen ruhen. Insgesamt starben auf beiden Seiten rund 30 Millionen Menschen. Heute vor 75 Jahren begann diese größte Katastrophe der deutschen Militärgeschichte mit dem "Unternehmen Barbarossa", dem Angriff auf die Sowjetunion.

Noch immer hält sich in stark rechtsgerichteten und antikommunistischen Kreisen der Mythos des Präventivkriegs: Der russische Diktator Josef Stalin habe das Deutsche Reich angreifen wollen und deshalb seine Truppen an der Westgrenze aufmarschieren lassen, die Wehrmacht habe diesem Plan zuvorkommen müssen. "Diese Behauptung haben Historiker aufgrund zahlreicher Dokumente schon seit Jahrzehnten widerlegt. Es war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg", sagt Torsten Diedrich, Wissenschaftlicher Direktor am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

Bereits 1925 habe Adolf Hitler seine Vorstellung vom "Volk ohne Raum" veröffentlicht und verdeutlicht, dass sich "die germanische Rasse" zum Überleben nach Osten ausdehnen müsse, wo nur "minderwertige" Menschen lebten. "Es gab bereits 1934 deutsche Planungen, zunächst in einem Bündnis mit Polen, die Sowjetunion durch einen strategischen Überfall zu erobern." Der sowjetische Diktator dagegen habe sich durch den Hitler-Stalin-Pakt sicher gefühlt, alle Hinweise auf den bevorstehenden Angriff ignoriert und seine Marschälle angewiesen, "Deutschland nicht zu reizen".

Die durch zahlreiche Dokumente belegten zahlenmäßig starken russischen Verbände im Westen erklären sich laut Diedrich 1940 aus der Sicherung der besetzten polnischen Gebiete und zur Durchsetzung Moskauer Gebietsansprüche in Rumänien und den baltischen Staaten. 1941 hatte Stalin angesichts des deutschen Aufmarsches erneut die Truppen der Roten Armee verstärkt. "Absicht war, zur Abschreckung den deutschen Truppen zahlenmäßig im Verhältnis 2:1 überlegen zu sein. Aber die Russen gingen davon aus, dass ein erfolgreicher Angreifer mindestens dreifach stärker sein muss", erläutert der Historiker. "Trotzdem wird die Präventivkriegsthese bis heute in schöner Regelmäßigkeit gegen die Forschungsergebnisse der Geschichtswissenschaft gestellt."

Hitler erteilte dem Oberkommando des Heeres am 31. Juli 1940 den Auftrag, das "Unternehmen Barbarossa" vorzubereiten. Das einen Zweifrontenkrieg mit Japan fürchtende Moskau werde "uns den Liebesdienst eines Angriffs nicht erweisen", stellte Generalmajor Erich Marcks dazu fest. Die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass die durch Stalins "Säuberungen" geschwächte Rote Armee ein Koloss auf tönernen Füßen sei und der Vielvölkerstaat schnell zusammenbreche.

Am 22. Juni 1941 eröffnete das Deutsche Reich auf breiter Front zwischen der Ostsee und den Karpaten den angeblichen "Feldzug Europas gegen den Bolschewismus": Drei Millionen deutsche Soldaten mit 3600 Panzern sowie rund 600.000 Alliierte aus Ungarn, Rumänien, Finnland, der Slowakei und Italien überraschten die sowjetischen Streitkräfte völlig und fügten ihnen in mehreren Kesselschlachten gigantische Verluste zu. "Der Krieg war jedoch für Deutschland bereits Ende 1941 verloren", stellt Diedrich fest. "Im August 1941 hatte der russische Spion Richard Sorge dem Kreml aus Tokio berichtet, dass Japan Russland nicht angreifen, sondern sich auf die USA als Kriegsgegner konzentrieren werde. Das ermöglichte den Russen, 700.000 gut ausgerüstete Soldaten aus Sibirien abzuziehen und zum Schutz Moskaus einzusetzen - der Anfang vom Ende."

Die deutsche Selbstüberschätzung hatte verheerende Folgen: Die meisten Einheiten hatten weder warme Winterbekleidung noch kältetaugliche Waffen. "Wir trugen noch unsere Uniformen vom Kreta-Einsatz", berichtete ein ehemaliger Fallschirmjäger in einem früheren Gespräch unserer Redaktion. So fielen mehr Soldaten durch Erfrierungen als durch Feindeinwirkung aus. Und der erwartete "Blitzkrieg" wurde zu einem immer hasserfüllteren Abnutzungs- und Vernichtungskampf, der erst am 8. Mai 1945 in den Trümmern Berlins ein Ende fand.

Dabei hatten vor allem Ukrainer, Esten, Letten und Litauer die Wehrmacht zunächst begeistert begrüßt, erhofften sie doch die Befreiung von der stalinistischen Terrorherrschaft. Doch Wehrmacht und SS gingen rücksichtslos gegen Zivilisten vor, die pauschal als "Untermenschen" eingestuft wurden. Man folgte dabei den seit 1940 entwickelten Plänen wie dem "Generalplan Ost", dem "Generalsiedlungsplan" und dem "Hungerplan". Sie schrieben die Vernichtung, Vertreibung und Ermordung der Bevölkerung der für die deutsche Besiedlung vorgesehenen besetzten Gebiete vor. Dem Aushungern von Leningrad, den Massenmorden vor allem an Juden, der Hinrichtung aller gefangenen Kommissare (der Polit-Offiziere der Roten Armee) und der Verschleppung von Zwangsarbeitern auf deutscher Seite folgten von russischer ein gnadenloser Partisanenkampf und zum Kriegsende entsetzliche Gräuel gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde es endlich möglich, auch in Russland deutsche Kriegsgräberstätten zu schaffen. Allein 70.000 Gefallene ruhen auf dem 2013 eingeweihten Friedhof in Duchowschtschina bei Smolensk, dem größten Friedhof im Ausland für deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen. Torsten Diedrich: "Aus der vermuteten militärischen Sandkasten-Übung ist ein Verbrechen beispiellosen Ausmaßes geworden."

Quelle: RP
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