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Köln
Auch Erwachsene wollen nur spielen

Köln. Ob auf dem Indoorspielplatz oder dem Trampolin - immer mehr Erwachsene entdecken ihren Spieltrieb wieder und lassen ihr inneres Kind heraus. Spieleforscher erklären, dass Spielen Stress abbaut und die Gesundheit fördert. Von Milena Reimann und Beate Wyglenda

Es sind nur wenige Augenblicke, die Kathrin Tennie über dem Boden schwebt. Doch sie treiben ihr ein breites Grinsen ins Gesicht. Tennie springt Trampolin im gerade eröffneten "Jumphouse" in Köln - und das macht sie glücklich. Auch mit 42 Jahren noch.

Immer mehr Erwachsene entdecken ihren Spieltrieb wieder. Ob in Trampolinhallen, auf Fußballfeldern, in Indoorspielplätzen oder Rätselräumen: Es wird gesprungen und gekickt, gerutscht und geknobelt. Spiel und Spaß sind laut Expertenmeinung längst nicht mehr nur Kindersache. "Der kindliche Spieltrieb geht niemals verloren, auch Erwachsene haben ihn in sich", betont Maren Hölzel, Mitarbeiterin im Indoorspielplatz Tiki Kinderland in Solingen. "Man muss den Erwachsenen nur das richtige Ambiente liefern, in dem sie frei toben können, ohne dass jemand Außenstehendes sie schief dabei ansieht." Diesen Trend hat der Indoorspielplatz schon vor rund zehn Jahren erkannt. Jeden ersten Freitag im Monat ab 19.30 Uhr dürfen auch die über 18-Jährigen ins Bällebad, auf die Rutschen und Hüpfburgen. "Uns sind einfach die sehnsüchtigen Blicke der Eltern aufgefallen, die ihren Kindern beim Herumtoben zusahen. Also haben wir das Ü18-Toben ausprobiert, und die Idee ist super angekommen", sagt Hölzel. Mittlerweile kommen zwischen 300 und 700 Personen zu diesen Spieleabenden. Neben Besuchern aus dem Bergischen Land reisten sogar schon Gäste aus anderen Bundesländern an.

Als Tennie in Köln vom Trampolin steigt, läuft ihr der Schweiß übers Gesicht. Die Mutter ist mit drei Kindern von Bergisch Gladbach nach Köln gekommen. "Die Kinder sind hier glücklich - und ich auch", sagt sie. Es ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Trampolinhallen, die derzeit überall eröffnen: Egal, welche Altersklasse, alle können mitmachen. Auch Frank Rogge will in der Trampolinhalle nicht nur zugucken. "Ich kann entweder Kaffeetrinken oder mitmachen", sagt der 52-Jährige aus Asbach und kauft sich eine Stundenkarte. Kurze Zeit später hüpft er auf einem Trampolin neben seinen Kindern. Die sind zehn, elf und 17 Jahre alt - und wollen in den Herbstferien etwas erleben. "Und nur Kino geht auch nicht", sagt der Vater.

Zugegeben, an einem Donnerstagvormittag sind Erwachsene wie er in der Trampolinhalle die Minderheit. Aber mit der Uhrzeit steige auch das Alter, sagt Isabel Albrecht, Sprecherin des Jumphouse. Ab 18 Uhr kommen sie dann, die "Feierabendspringer". Sie sind laut Albrecht meist um die 35 Jahre alt. "Die wollen etwas mit Freunden unternehmen und abschalten", sagt sie. Viele von ihnen würden mit dem Springen zudem andere Sporteinheiten oder den Besuch im Fitnessstudio ersetzen.

Gut aufgehoben wären sie dann auch bei einer Partie "Bubble Ball Soccer". Der neue Trendsport, bei dem man in einen XXL-Airbag gesteckt wird und versucht, Fußball zu spielen, ist gerade bei ab 20-Jährigen schwer angesagt. Warum? "Viele Leute wollen Sport treiben, diesen aber mit möglichst viel Spaß verbinden", sagt Nassrat Azizzadah-Öztürk, der mit der Firma Yunaball den Trendsport in Düsseldorf anbietet. Statt seine Runden im Park zu laufen oder an Fitnessgeräten zu pumpen, stoßen und werfen sich die Spieler - eingepackt in eine riesige Blase - einfach gegenseitig um. "Das baut Stress und Druck ab und macht super viel Spaß", sagt Azizzadah-Öztürk.

Dabei fördere nicht nur der Sport an sich die Gesundheit. Laut Spieleforscher Rainer Buland wirkten sich alle Spielformen, die mit Freude und in Gesellschaft betrieben werden, positiv auf die Gesundheit aus. Psychoimmunologie heißt der Fachbegriff. Bedeutet: Neben guter Ernährung und viel Bewegung trägt auch das, was uns glücklich macht, dazu bei, Körper und Geist gesund zu halten. Spaß und Spiel helfen Erwachsenen dabei, Alltag, Stress und Verantwortung abzubauen. Hinzu kommt, dass viele Spiele mit Freunden gespielt werden können, was den Effekt noch verstärkt.

Auch bei den Escape-Games (Fluchtspielen) geht es um das Miteinander und den Teamgeist. Nur wenn gemeinsam an den Aufgaben gearbeitet wird, kommt man aus den Themenräumen, in die man eingesperrt ist, wieder heraus. Ein Rätselspaß, der vor allem Erwachsene anspricht. Im vergangenen Jahr schossen Escape-Räume in Großstädten wie Pilze aus dem Boden. Der Grund: "Wenn die Menschen den ganzen Tag vor dem PC sitzen, wollen sie in ihrer Freizeit aktiv werden, etwas mit ihren Freunden machen und rätseln", sagt Lena Michur von Quexit, einem Anbieter in Düsseldorf. Eine Mitarbeiterin von Teamescape in Düsseldorf bestätigt, dass neben Junggesellenabschieden und Firmengruppen auch Familien samt Oma kommen: "In unserer schnelllebigen, digitalisierten Welt ist es doch schön, kurz innezuhalten und wieder Kind zu sein."

Für Kathrin Tennie im Trampolinpark spielt noch etwas anderes eine Rolle: "Man merkt: Das geht ja doch noch", sagt sie und ist schon wieder weg, auf dem Trampolin.

Quelle: RP
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