Erdbeben in China: 19.000 Verschüttete in einer einzigen Stadt
zuletzt aktualisiert: 13.05.2008 - 14:51Dujiangyan (RPO). In den vom Erdbeben betroffenen Gebieten hat ein dramatischer Kampf gegen die Zeit begonnen. Die Retter suchen in den Trümmern nach Überlebenden, die Opferzahlen steigen stündlich. Allein in der Stadt Mianyang im Südwesten des Landes sollen mehr als 3600 Menschen getötet und etwa 19.000 weitere verschüttet worden sein.
Wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag meldete, sind allein in der Stadt Mianyang im Südwesten des Landes mehr als 3600 Menschen getötet und mindestens 18.645 weitere verschüttet worden.
In Juyuan sind 900 Schüler unter Trümmern vergraben worden. Die Eltern suchen verzweifelt nach ihren Kindern, die unter den Schuttbergen nach Hilfe schreien.
Bei diesem Fall in Juyuan wurden mindestens 60 Kinder getötet, die anderen galten zunächst noch als vermisst. Die Schulen befanden sich im Bereich des Epizentrums in Wenchuan, knapp 100 Kilometer nordwestlich von Chengdu, der Hauptstadt von der Sichuan. Der britische Sender BBC berichtete, dass die Schüler versuchen würden, sich selbst aus dem Schutt freizugraben. Andere schrien um Hilfe. Die Jugendlichen der achten und neunten Klasse hatten während des Bebens vermutlich gerade Unterricht.
Das Schulgebäude in Juyuan besteht nur noch aus zusammengestürzten Betonteilen und Backsteinen. Die Leichen der Schüler werden auf Türen aus den Trümmern geborgen, auf dem schlammigen Schulhof abgelegt und mit Planen bedeckt. Einige Angehörige zünden Kerzen und Räucherstäbchen an. Einige zünden Feuerwerk, um böse Geister fernzuhalten. Die meisten aber sitzen still und offenbar betäubt vom Schock neben den Leichen.
Hunderte Verwandte warteten über Nacht im kalten Regen. Einige kauerten unter Schirmen oder suchten in zwei Rettungszelten Schutz. Jetzt verlangen sie wütend Informationen darüber, was mit ihren Kindern passiert ist. "Ihr sagt uns, dass wir warten sollen, aber wir können nicht mehr warten. Wir brauchen wenigstens ein paar Informationen", sagt eine Frau zu Soldaten, die in Zweierreihen vor dem Gebäude stehen, um die Familien zurückzuhalten. "Sagt uns, was da passiert", wird gerufen. Die Menge drückt ab und zu gegen die Soldaten und wird dann zurückgedrängt.
An der Unglücksstelle heben Rettungsmannschaften mit drei riesigen Kränen Betonteile an, die so groß wie Autos sind. Eine Gruppe Helfer räumt mit Hacken, Schaufeln und Motorsägen Trümmer beiseite. Auch Kräfte der chinesischen Erbeben-Rettungseinheit sind vor Ort. Sie brachten einen ganzen Lastwagen voll mit Spezialgeräten mit, um Geräusche eingeschlossener Überlebender zu orten. Zu ihrer Ausrüstung zählen auch Schneidgeräte.
Auch in Mianyang sollen mindestens 1.000 Schüler und Lehrer getötet oder vermisst sein - in einer Stadt, die 160 Kilometer vom Epizentrum entfernt ist. Das sechsstöckige Gebäude im Bezirk Beichuan sei in einen zwei Meter hohen Schutthaufen zusammengefallen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag.
Schweres Nachbeben
Einen Tag nach dem verheerenden Erdbeben hat ein starkes Nachbeben für neue Panik in der Unglücksprovinz Sichuan im Südwesten der Volksrepublik gesorgt. In der Provinz-Hauptstadt Chengdu wackelten am Dienstagnachmittag erneut Bürogebäude, Menschen strömten in Panik auf die Straßen. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua hatte das Nachbeben die Stärke 6,1 auf der Richterskala.
Das verheerende Erdbeben am Montag hatte die Stärke 7,8. Dabei starben nach neuen offiziellen Angaben fast 12.000 Menschen. Es seien nach aktuellen Erkenntnissen 11.921 Menschen getötet worden, teilte ein Regierungsvertreter am Dienstagnachmittag in Peking mit. Rettungskräfte befürchten allerdings, dass die Zahl der Opfer noch deutlich steigen wird.
20.000 Tote befürchtet
Die Behörden rechnen aber mit bis zu 20.000 Todesopfern. Die staatlichen Medien berichteten, allein in Mianzhu seien noch weitere 10.000 Menschen unter den Trümmern verschüttet. Die chinesische Regierung teilte mit, sie nehme ausländische Hilfe im Katastrophengebiet an.
Mianzhu liegt rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt. 1.300 Rettungshelfer und Soldaten erreichten unterdessen das Zentrum des Bebens im Bezirk Wenchuan. Die Region war seit dem Erdstoß der Stärke 7,8 vom Montag von der Außenwelt abgeschnitten.
Fast alle Opfer des Bebens wurden nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua in der zentralen Provinz Sichuan registriert. In drei Nachbarprovinzen sowie in der Mega-Stadt Chongqing am Jangtse seien etwa 300 weitere Menschen ums Leben gekommen. Ferner gebe es tausende Verletzte, und unzählige Menschen würden noch vermisst.
Weite Gebiete liegen im Dunkeln
Zahlreiche Kleinstädte in der Region wurden dem Erdboden gleichgemacht. In Shifang, wo das Beben einen Chemieunfall auslöste, kamen laut Xinhua rund 600 Menschen ums Leben. Ob die Chemikalien zum Tod der Betroffenen beitrugen, war zunächst unklar.
In der Zehn-Millionen-Stadt Chengdu wurden Strom- und Fernmeldemasten zerstört, so dass weite Gebiete im Dunkeln lagen. Wegen Erdrutschen waren viele Straßen unpassierbar, und die Rettungskräfte gelangten nur sehr mühsam ins Katastrophengebiet. Hinzu kamen anhaltende heftige Regenfälle, die die Aufräumarbeiten erschwerten. Ministerpräsident Wen Jiabao sagte bei einem Besuch vor Ort, die Lage sei noch viel schlimmer, als die Behörden zunächst vermutet hätten. Die Bevölkerung solle jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, da schon bald Helfer bei ihnen eintreffen würden.
Häuser, die während des Bebens nicht einstürzten, waren häufig unbewohnbar. Hunderte Menschen verließen am Dienstag die Stadt Dujiangyan. Sie trugen Koffer oder Plastiktüten mit Lebensmitteln bei sich. "Meine Ehefrau ist bei dem Beben getötet worden", sagte der 70-jährige Zhou Chun. "Mein Haus wurde zerstört. Ich gehe nach Chengdu, aber ich weiß nicht, wo ich wohnen werde."
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