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Unter Terrorverdacht
Ermittler betrachten belgischen Dschihadisten als Drahtzieher

Abdelhamid Abaaoud: Ermittler betrachten Belgier als Drahtzieher
Abdelhamid Abaaoud auf einem undatierten Bild aus einem Propaganda-Video. FOTO: ap
Brüssel. Nach den Anschlägen von Paris führen mehrere Spuren nach Belgien. Ein Polizeikommando durchsuchte am Montag Wohnungen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Auch ein möglicher Drahtzieher soll aus dem Viertel stammen. Die Ermittler gehen davon aus, dass hinter der systematischen Planung der Anschlagsserie Abdelhamid Abaaoud steckt, Belgiens berüchtigster Dschihadist. 

Er könnte der Drahtzieher der Anschläge von Paris sein, meldeten am Montag zunächst die belgischen Tageszeitungen "De Standaard" und "Het Nieuwsblad" unter Berufung auf belgische Sicherheitsdienste. Mindestens einer, wenn nicht zwei der Selbstmordattentäter seien Freunde von Abaaoud gewesen.

Später fällt sein Name auch bei den französischen Ermittlern. 

Abaaoud gilt bereits seit längerem als der meistgesuchte Islamist Belgiens. Der 28-Jährige Belgier mit marokkanischen Wurzeln soll sich zuletzt in Syrien aufgehalten und dort für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekämpft haben. Früher lebte er in dem als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Stadtteil Molenbeek.

Razzia in Brüssel: Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek FOTO: afp, nb

Abaaoud ist im Westen aufgewachsen. In Brüssel besuchte er eine der angesehensten Schulen, das Collège Saint-Pierre d'Uccle. Doch aus dem früher angeblich unbekümmerten Kind wurde ein Fanatiker des islamistischen Terrors. Er soll sogar seinen 13-jährigen Bruder für den Krieg in Syrien rekrutiert haben.

Dieser Mann, so bestätigten französische Ermittler am Montag, soll der Drahtzieher hinter den verheerenden Terroranschlägen am Freitagabend mit 129 Toten in Paris sein. Und nicht nur das. Er soll nach Informationen der Nachrichtenagentur AP auch hinter zwei anderen Terrorplänen stecken, deren Ausführung dieses Jahr in Frankreich vereitelt wurde: die im April gescheiterten Anschläge auf christliche Kirchen nahe Paris und die im August von Passagieren gestoppte Attacke eines schwer bewaffneten Extremisten im Hochgeschwindigkeitszug Thalys nach Paris.

Abaaoud wuchs als Sohn marokkanischer Einwanderer im Brüsseler Viertel Molenbeek-Saint-Jean auf, das inzwischen als Islamistenhochburg gilt. Inzwischen ist der Verdächtige Ende 20. In einem 2014 veröffentlichten Video sagte er: "Mein ganzes Leben habe ich das Blut von Muslimen fließen sehen. Ich bete, dass Allah jenen das Genick bricht, die Ihn ablehnen (...) und dass Er sie ausrotten wird."

Der Brüsseler Problem-Stadtteil Molenbeek FOTO: afp, ed/nb

Schon zu Jahresbeginn geriet der Dschihadist ins Visier der belgischen Ermittler. Sie verdächtigten Abaaoud, die Terrorzelle in der Stadt Verviers mit organisiert und finanziert zu haben, die am 15. Januar bei einer Razzia ausgehoben wurde. Zwei seiner mutmaßlichen Komplizen wurden damals getötet.

Im Februar tauchten Zitate Abaaouds im englischsprachigen Magazin "Dabik" der Terrormiliz Islamischer Staat auf. Darin behauptete er, er sei unentdeckt nach Belgien zurückgekehrt, um die Terrorzelle zu führen. Nach der Razzia sei ihm die Flucht nach Syrien gelungen - obwohl sein Foto überall in den Nachrichten verbreitet wurde.

"Ich wurde sogar von einem Beamten angehalten, der mich betrachtete, als wollte er mich mit dem Bild vergleichen", prahlte Abaaoud in der Propagandazeitschrift. "Aber er ließ mich gehen, weil er keine Ähnlichkeit erkennen konnte."

Pressestimmen: "Dieser Krieg wird uns aufgezwungen" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

So bleibt Abaaoud auf der Flucht, ebenso wie der gesuchte Terrorverdächtige Salah Abdeslam, der am Samstagmorgen trotz einer Polizeikontrolle im Norden Frankreichs entkommen konnte. Die Großrazzia im Molenbeek soll vor allem ihm gegolten haben. Am Montag hatten Spezialeinheiten der Polizei Straßenzüge abgeriegelt und Hausdurchsuchungen vorgenommen.

Nach einem Bericht von "Le Parisien" waren sie auf der Suche nach Salah Abdeslam. Der 26-Jährige zählt zu den Verdächtigen, weil einer der Selbstmordattentäter aus dem Musikclub "Bataclan" sein Bruder war. Die belgische Justiz hat Salah Abdeslam international zur Fahndung ausgeschrieben. Er gilt als gefährlich. Bereits zuvor war ein weiterer Bruder des Attentäters in Belgien festgenommen, aber später wieder freigelassen worden.

Es gibt zahlreiche Verbindungen der Pariser Attentate nach Belgien. Zwei der getöteten Terroristen lebten zuletzt im Großraum Brüssel, sie hatten einen französischen Pass. Besonders im Fokus stehen dabei die drei Brüder Abdeslam.

Bereits am Samstag durchsuchte die Polizei im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein.

Es sind mehrere Wagen mit belgischen Kennzeichnen in Zusammenhang mit den Anschlägen aufgetaucht. In der Nähe des "Bataclan" wurde ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt.

Über die aktuellen Entwicklungen nach dem Terror in Paris halten wir Sie in unserem Live-Blog auf dem Laufenden.

(pst/AP/dpa)
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