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Nach Luftangriff auf Klinik
"Ärzte ohne Grenzen" zieht sich aus Kundus zurück

Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert
Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert FOTO: dpa, gh
Kundus. Nach dem Luftangriff auf eine Klinik mit 19 Toten muss die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" ihr Engagement in der afghanischen Stadt Kundus bis auf Weiteres beenden. 

Die Klinik sei "nicht mehr nutzbar", sagte eine Sprecherin am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. Die Organisation sei nicht mehr dort tätig, dringend behandlungsbedürftige Patienten seien in andere Kliniken gebracht worden. "Ich kann derzeit nicht sagen, ob das Traumazentrum wiedereröffnet wird oder nicht", sagte die Sprecherin.

Bei dem Bombardement waren tags zuvor mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen. Ein Krankenpfleger schilderte die Folgen des Angriffs in einer Erklärung, die die Organisation auf ihrer Website veröffentlichte. Warum die Klinik unter Beschuss geriet, ist noch nicht abschließend geklärt. Die US-Luftwaffe schloss selbst nicht aus, dass sie die Klinik versehentlich traf. Die afghanische Regierung legte jedoch nahe, dass das Krankenhaus gezielt beschossen worden sein könnte.

Dort hätten sich bewaffnete Terroristen verschanzt und "die Gebäude und die Menschen im Innern als Schutzschild" benutzt, sagte der stellvertretende Sprecher des Verteidigungsministeriums, Dawlat Wasiri, der Nachrichtenagentur AP. Hubschrauber hätten die Kämpfer beschossen und Schäden an den Gebäuden verursacht. Innenministeriumssprecher Sedik Sedikki sagte: "Alle Terroristen wurden getötet, aber wir haben auch Ärzte verloren."

Krankenhäuser und humanitäre Einrichtungen sind auch in Konflikten völkerrechtlich geschützt. Sollte die Klinik wirklich absichtlich ins Visier genommen worden sein, könnte dies ein Kriegsverbrechen sein, sagte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein.

Er nannte den Zwischenfall "tragisch, unentschuldbar und womöglich sogar kriminell". Ärzte ohne Grenzen selbst den Angriff als "schweren Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht" und forderte eine unabhängige Untersuchung.

US-Präsident Barack Obama kündigte volle Aufklärung an und drückte den Opfern sein Beileid aus. Vor Abschluss der Ermittlungen wolle er den Sachverhalt aber nicht beurteilen. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani erklärte, eine Untersuchung sei bereits im Gange.

Kundus war am Montag von radikalislamischen Taliban eingenommen worden. Afghanische Truppen begannen am Donnerstag mit der Rückeroberung und erhielten dafür Luftunterstützung der Nato. Die meisten Taliban scheinen aus der Stadt geflohen zu sein. Doch gibt es nach wie vor Gefechte.

Ärzte ohne Grenzen: Keine Taliban im Gebäude

Ärzte ohne Grenzen hatte nach eigenen Angaben in den vergangenen Tagen knapp 400 Patienten in der Klinik versorgt. Zum Zeitpunkt des Luftangriffs waren demnach 105 Patienten und Angehörige sowie mehr als 80 internationale und afghanische Mitarbeiter im Gebäude. Der Beschuss soll 30 Minuten lang angedauert haben. Die Klinik lag danach weitgehend in Trümmern.

Sprecherin Stegeman sagte, zum Zeitpunkt des Angriffs seien keine Aufständischen im Gebäude gewesen. Das behaupten auch die Taliban.
Auf Videobildern der Nachrichtenagentur AP sind allerdings automatische Waffen - darunter mindestens ein Maschinengewehr - in Fensterhöhlen des ausgebrannten Gebäudes zu sehen.

Stegeman sagte, alle Patienten in kritischem Zustand seien aus der zerstörten Klinik in andere Gesundheitseinrichtungen verlegt worden.
Einige Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen seien noch in zwei anderen Kliniken tätig, wo einige der Verwundeten untergekommen seien. Unter den 19 Toten des Angriffs waren nach Angaben der Organisation zwölf afghanische Mitarbeiter und sieben Patienten der Intensivstation. 37 weitere Menschen wurden verletzt.

Kundus hat rund 300 000 Einwohner. Dort war bis Oktober 2013 die Bundeswehr im Rahmen der Nato-Schutztruppe Isaf stationiert.

(ap/afp)
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