Bomben auf Tanklaster in Afghanistan: Angeforderter Luftangriff sollte Anschlag verhindern
zuletzt aktualisiert: 04.09.2009 - 19:45Kundus (RPO). Nach einem Überfall auf zwei ihrer Tanklastzüge in Afghanistan hat die Bundeswehr am Freitag erstmals Luftunterstützung angefordert und damit den Tod von bis zu 90 Menschen ausgelöst. Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey erklärte, mit dem Luftangriff habe ein Anschlag auf die deutsche Truppe in Kundus verhindert werden sollen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung hat den Luftschlag gerechtfertigt.
Während der Bundeswehr zufolge ausschließlich Aufständische - mehr als 50 Taliban-Kämpfer - getötet wurden, kamen nach afghanischen Angaben zudem bis zu 40 Zivilpersonen ums Leben.
Tanklaster für Selbstmordattentat entführt?
"Wir gehen davon aus, dass die entführten zivilen Tanklaster in Richtung des Bundeswehrlagers gebracht werden sollten, um durch ein Selbstmordattentat größtmöglichen Schaden anzurichten", sagte Kossendey laut einem Bericht der Oldenburger Nordwest-Zeitung.
"Deshalb sind wir auch intensiv vorgegangen und haben Luftunterstützung angefordert, um zu verhindern, dass die Tanklaster in Richtung Bundeswehrlager fuhren." Aus Sicht der militärisch Verantwortlichen in Kundus sei höchste Gefahr im Verzug gewesen, betonte der Staatssekretär dem Blatt zufolge.
Die Aufständischen hatten die beiden Tanklastzüge an einem vorgetäuschten Kontrollpunkt ungefähr sieben Kilometer südwestlich des Bundeswehrstützpunktes gekapert. Eine Drohne habe die Entführer verfolgt und mit der Kamera 67 Taliban-Kämpfer registriert, aber keine Zivilpersonen, verlautete aus Bundeswehrkreisen in Kundus. Daraufhin sei ein US-Kampfjet angefordert worden.
Tod beim Abzapfen von Treibstoff
Der Angriff erfolgte gegen 02.30 Uhr Ortszeit, 40 Minuten nach der Kaperung. Die Tanklaster waren bei der Überquerung eines Flusses auf einer Sandbank steckengeblieben. Treffer des Kampfflugzeugs ließen die beiden Fahrzeuge in Flammen aufgehen.
Aus afghanischen Polizeikreisen verlautete, bei den 40 zivilen Opfern handele es sich um Personen, die Treibstoff aus den Tankern abgezapft hätten. Aus dem Krankenhauses von Kundus hieß es, es seien mindestens zwölf Personen mit schweren Verbrennungen eingeliefert worden, darunter auch ein zehnjähriger Junge. Ein Taliban-Sprecher bestätigte, dass die gekaperten Tanklastzüge im Fluss steckengeblieben seien. Daraufhin sei Treibstoff abgelassen worden, um die Lkw wieder flott zu bekommen.
Ein Mitglied des Provinzrats von Kundus, Abdul Moman Omar Chel, sagte, die Aufständischen hätten die Einwohner mit der Aussicht auf kostenlosen Treibstoff gelockt. Dem hätten die armen und hungrigen Dorfbewohner nicht widerstehen können. Allein von einer Familie seien fünf Personen umgekommen.
Jung verteidigt Anforderung von Luftunterstützung
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung hat die Anforderung von Luftunterstützung durch die Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban als notwendig gerechtfertigt. "Gerade im Raum Kundus herrscht eine besonders kritische Situation", wurde der CDU-Politiker von den "Badischen Neuesten Nachrichten" zitiert. "Wenn sechs Kilometer von uns entfernt die Taliban zwei Tankzüge in die Hand bekommen, bedeutet dies eine große Gefahr für uns." Der Minister warnte vor neuen Anschlägen auf die Bundeswehr gerade vor der Bundestagswahl.
Von einem Krieg wollte Jung dennoch weiterhin nicht sprechen: "Das ist die völlig falsche Wortwahl, da Krieg Zerstörung bedeutet." Die Bundeswehr befinde sich in Afghanistan in einem Stabilisierungseinsatz, der nichts mit Krieg zu tun habe. Bei den Taliban habe man es jedoch mit einem brutalen und leider auch intelligenten Gegner zu tun. Dadurch seien die deutschen Soldaten besonders gefordert, wurde Jung weiter zitiert.
Angesprochen auf die Dauer des Einsatzes sagte der Minister der Zeitung zufolge: "Ziel ist es, dass die Afghanen selbst in der Lage sind, für Sicherheit im eigenen Land zu sorgen."
Steinmeier sieht schwierige und gefährliche Lage
Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verwies darauf, dass die Umstände des Angriffs bereits untersucht würden. "Es besteht auch die Möglichkeit ziviler Opfer, aber das ist noch nicht klar", sagte er in Brüssel. "Aber wie wir alle wissen, können in Konflikten wie diesem natürlich Fehler passieren."
Der afghanische Präsident Hamid Karsai erklärte, er werde den Zwischenfall ebenfalls von einer Kommission untersuchen lassen. Auch der stellvertretende Leiter der UN-Mission in Kabul, Peter Galbraith, kündigte eine Untersuchung an.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich sehr besorgt über den Vorfall. Er zeige, wie schwierig und gefährlich die Lage in Afghanistan sei, sagte er der Ostsee-Zeitung. "Die Taliban schrecken offensichtlich vor nichts zurück, um die Sicherheit zu destabilisieren und Wiederaufbau unmöglich zu machen."
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