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Anschlag mit 84 Toten
Attentäter von Nizza soll unter Depressionen gelitten haben

Menschen in Nizza gedenken der Opfer des Anschlags
Menschen in Nizza gedenken der Opfer des Anschlags FOTO: dpa, isl ay
Nizza. Nach dem Anschlag in Nizza herrscht Unklarheit darüber, warum Mohamed Lahouaiej-Bouhlel mit einem Lkw in die Menschenmenge gerast war. Premierminister Valls sagt, der Täter hatte Kontakt zu Islamisten. Der Vater von Lahouaiej-Bouhlel sagte, sein Sohn habe unter Depressionen gelitten.

Für die Geheimdienste war Mohamed Lahouaiej-Bouhlel ein unbeschriebenes Blatt. Bei dem Attentat mit einem Lkw tötete der 31-Jährige mindestens 84 Menschen, unter ihnen drei Deutsche. In Frankreich begann am Samstag eine dreitägige Staatstrauer.

Ein Bekennerschreiben gebe es bisher nicht, sagte am Freitag der Pariser Staatsanwalt François Molins. Allerdings entspreche das Vorgehen des Täters den Mordaufrufen islamistischer Terrorgruppen. 

Premierminister Manuel Valls sagte dem Fernsehsender France 2, der "Terrorist" stehe "zweifellos auf die eine oder andere Art in Verbindung mit dem radikalen Islamismus". Valls wies Vorwürfe zurück, die Sicherheitsmaßnahmen während des Feuerwerks in Nizza seien unzureichend gewesen. Es seien "dieselben" Sicherheitsmaßnahmen gewesen wie beim Karneval und der Fußball-Europameisterschaft, sagte Valls.

Bewährungsstrafe wegen Diebstahls und Sachbeschädigung

Im März war Lahouaiej-Bouhlel nach Darstellung Molins' zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, unter anderem wegen Bedrohung, Diebstahls und Sachbeschädigung. Als Gefährder sei der Täter bislang aber nicht in Erscheinung getreten, sagte Molins. Hinweise auf eine islamistische Gesinnung gab es offenbar nicht.

Aufschlüsse über sein Motiv erhoffen sich die Ermittler von zahlreichen Dokumenten, die in seiner Wohnung sichergestellt wurden. Auch die Ex-Frau des Mannes wurde verhört. Nachbarn beschrieben den Täter als Einzelgänger.

Mit Religion habe sein Sohn nichts zu tun gehabt, sagte der Vater des 31-Jährigen am Freitag der Nachrichtenagentur AFP in der Stadt Msaken im Osten Tunesiens. "Er hat nicht gebetet, er hat nicht gefastet, er hat Alkohol und sogar Drogen genommen", sagte Mohamed Mondher Lahouaiej-Bouhlel.

Sein Sohn habe von 2002 bis 2004 "Probleme" gehabt, die zu einem "Nervenzusammenbruch" geführt hätten. Er sei dann "wütend" geworden, habe geschrien und Sachen kaputt gemacht, berichtete der Vater. Ein Arzt habe ihm Medikamente gegen Depressionen verschrieben. Seine Familie sei "entsetzt" über die Geschehnisse in Nizza, fügte er hinzu.

Die Familie habe mit dem Sohn kaum noch Kontakt gehabt, nachdem dieser nach Frankreich gegangen war. Das Datum des Wegzugs vermochte der Vater dem Bericht vom Freitagabend zufolge nicht zu nennen.

Der Attentäter soll nach Angaben seiner Familie zudem schon vor seiner Bluttat gewalttätig gewesen sein. "Er schlug seine Frau, also meine Cousine, er war ein Mistkerl", berichtete ein Familienmitglied am Samstag der Online-Ausgabe der britischen Zeitung "Daily Mail". "Er trank Alkohol, er aß Schweinefleisch und er nahm Drogen." Der 31-Jährige Tunesier sei kein Moslem gewesen. 

Zehn Kinder und Jugendliche unter den Verletzten

Lahouaiej-Bouhlel hatte am Donnerstagabend einen weißen Lastwagen angemietet und war damit am späten Abend zum Strandboulevard Promenade des Anglais in Nizza gefahren, wo sich nach Behördenangaben rund 30.000 Menschen versammelt hatten.

Kurz nach dem Ende des traditionellen Feuerwerks zum französischen Nationalfeiertag raste plötzlich der Lkw in die Menge. Den Behörden zufolge fuhr der Täter den 19-Tonner zwei Kilometer weit, ehe die Polizei ihn erschoss. Augenzeugen zufolge gab der Tunesier zuvor aus einer Pistole Schüsse auf die Polizisten ab.

Mehr als 200 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt, gut 50 von ihnen lebensgefährlich. Unter den Todesopfern waren auch zehn Kinder und Jugendliche sowie mehrere Ausländer. Das Bezirksamt von Berlin-Charlottenburg bestätigte den Tod von zwei deutschen Schülern und einer Lehrerin, die an einer Schulreise nach Nizza teilgenommen hatten. Auch mindestens zwei US-Bürger, eine Schweizerin, eine Russin, eine Armenierin und ein Ukrainer wurden getötet.

Ab heute dreitägige Staatstrauer

Weltweit reagierten Politiker entsetzt auf die Tat und erklärten ihre Solidarität mit den Franzosen. Präsident François Hollande rief eine dreitägige Staatstrauer aus, die am Samstag begann. Am Montagmittag soll mit einer landesweiten Schweigeminute der Opfer des Anschlags gedacht werden.

Für Samstagmorgen wurde ein Treffen des Nationalen Sicherheitsrats unter dem Vorsitz Hollandes angesetzt. Der Präsident hatte wenige Stunden nach der Tat von einer "terroristischen" Attacke gesprochen.

Frankreich wurde bereits mehrfach von Terroranschlägen erschüttert. Die meisten Opfer gab es im vergangenen November, als Mitglieder der Extremistenorganisation Islamischer Staat (IS) in Paris 130 Menschen töteten. Der danach verhängte Ausnahmezustand soll in der kommenden Woche für drei weitere Monate verlängert werden.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) warnte derweil vor einem Generalverdacht gegen Muslime. Er rate dringend davon ab, "jetzt Muslime pauschal zu verdächtigen", sagte de Maizière der "Bild"-Zeitung. "Das wäre für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatal und angesichts der weit überwiegenden Zahl von Muslimen, die hier aufgewachsen sind und sich als Teil unserer Gesellschaft verstehen, auch schlicht falsch." Gleichzeitig gab der CDU-Politiker zu bedenken, dass "islamistische Extremisten die Religion missbrauchen, um Morde zu rechtfertigen." Umso wichtiger sei es, "dass sich die Muslime selbst davon in aller Klarheit distanzieren."

Menschen in Nizza gedenken der Opfer

Bis in die Nacht zum Samstag haben Menschen an der Promenade des Anglais von Nizza den Opfern und Hinterbliebenen des Attentats gedacht. Die Trauernden versammelten sich vor allem um ein Mahnmal aus Blumen und Kerzen zu Beginn der Flaniermeile am Strand der südfranzösischen Urlaubsstadt und stimmten zunächst die Marseillaise an, Frankreichs Nationalhymne. Danach schwiegen sie.

Einheimische wie Touristen der Metropole gingen am späten Freitagabend die einseitig wieder befahr- und begehbare Uferstraße an der Côte d'Azur entlang. Dort, wo bis zu der Gräueltat am Vorabend noch Party und gute Laune geherrscht hatte mit einem großen Feuerwerk, waren nun die Kneipen aber geschlossen, die Stimmung war bedrückend.

Botschaften wie "Die Liebe besiegt den Hass", "Ich liebe Charlie, ich liebe Paris, ich liebe Nizza, ich liebe Paris" in Gedenken auch an die Terrorattacken im vergangenen Jahr oder "Im Schmerz mit Euch", säumten den Weg, auf dem der Attentäter mit seinem Lkw in die feiernde Menschenmasse gerast war. Das Tat-Fahrzeug wurde am späten Freitagnachmittag abtransportiert.

Am Samstag wurde die Strandpromenade für den Verkehr wieder geöffnet. An einem Ende der Promenade des Anglais erinnerte eine provisorische Gedenkstätte aus Kerzen und Blumen an die Tragödie vom Donnerstagabend.

 

(das/AFP/dpa)
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