Mindestens 30 Tote bestätigt: Ausländer fliehen aus Tibet
zuletzt aktualisiert: 15.03.2008 - 14:49Peking (RPO). Szenen von Chaos, Gewalt und Angst beschreiben ausländische Touristen, die vor den Unruhen aus der tibetischen Hauptstadt Lhasa geflüchtet sind. Trotz unbestätigten Berichten über mehr als 100 Tote bei den schweren Zusammenstößen in Lhasa und internationalen Forderungen nach Zurückhaltung will China die Unruhen in Tibet mit Härte unterdrücken.
Die meisten Touristen wurden von den gewaltsamen Protesten der Tibeter völlig überrascht. "Wir mussten da weg", sagt die Dänin Bente Walle kurz nach ihrer Ankunft in Chengdu im Südwesten Chinas, wo am Samstag vier Flugzeuge aus Lhasa eintrafen. "Ich habe viele Menschen mit Kopfverletzungen gesehen, Blut und Krankenwagen, Panzer und alles voll Polizisten", berichtet die 58-Jährige.
Mindestens 30 Tote seien bestätigt, heißt es in einer von der Exilregierung in Dharmsala veröffentlichten Erklärung. Für mehr als 100 Todesopfer gebe es bislang noch keine Bestätigung.
Gegen die Demonstranten werde barsch vorgegangen, erklärte der von Peking bestellte Vorsitzende der Regierung der autonomen Region Tibet, Champa Phuntsok, am Samstag. Die tibetische Exilregierung in Indien berichtete von mehr als 100 Todesopfern - zehn Mal soviel wie die amtlichen chinesischen Medien.
Nach chinesischen Berichten sind Demonstrationen buddhistischer Mönche zum Jahrestag der Niederschlagung des Aufstandes der tibetischen Bevölkerung gegen die chinesische Herrschaft 1959 am Montag in Gewalt umgeschlagen. Mindestens zehn Menschen seien getötet worden. Die Zusammenstöße in Lhasa sind die schwersten seit 20 Jahren.
Demonstranten sollen sich bis Dienstag stellen
Die Behörden in Tibet gaben den Demonstranten die Schuld am Tod "unschuldiger Menschen". Phuntsok sagte am Rande des Volkskongresses in Peking: "Wir haben nicht das Feuer eröffnet. Wir werden aber hart mit diesen Kriminellen umgehen, die diese Aktivitäten zur Spaltung der Nation ausführen." Allen Demonstranten, die sich bis Dienstag stellen, wurden mildernde Umstände in Aussicht gestellt.
Die Olympischen Sommerspiele seien durch die Unruhen nicht gefährdet, sagte ein Sprecher des Organisationskomitees BOCOG, Sun Weide. Auch der Fackellauf, bei dem das olympische Feuer auf den Mount Everest getragen werden soll, werde wie geplant stattfinden.
Der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge kehrte in Lhasa am Samstag wieder Ruhe ein. Urlauber berichteten von einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften. Die gesamte Stadt sei regelrecht stillgelegt, berichtete ein 23 Jahre alter Ausländer. Ein weiterer Tourist, Plooij Frans, der Lhasa am Samstag verließ, erklärte, binnen 24 Stunden seien rund 140 Lastwagen mit Soldaten nach Lhasa gekommen.
Merkel ruft zu Gewaltverzicht auf
Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, äußerte sich besorgt und rief die chinesische Regierung und seine Landsleute auf, keine Gewalt anzuwenden. Die UN-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour forderte Peking auf, den Demonstranten ihr Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu gewähren und keine "exzessive Gewalt" anzuwenden. Eine Sprecherin von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, dieser verfolge die Situation aufmerksam.
Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte an Tibeter und Chinesen, auf Gewalt zu verzichten und in einen direkten Dialog einzutreten. Ähnliche Appelle kamen von den USA und weiteren Staaten.
Sympathisanten demonstrieren in Australien
In der westchinesischen Stadt Xiahe ging die Polizei mit Tränengas gegen Sympathisanten der demonstrierenden Mönche in Tibet vor. Augenzeugen zufolge zogen hunderte Menschen vom Kloster Labrang nach Xiahe, die Gruppe griff Verwaltungsgebäude an. Nach Angaben der in London ansässigen Gruppe Free Tibet wurden 20 Menschen festgenommen.
In Australien setzte die Polizei Medienberichten zufolge Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Demonstranten vor dem chinesischen Konsulat in Sydney ein. Auch in Indien und der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu kam es zu Protesten.
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