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Appell
Die Welt soll sich an Aylan nicht als toten Jungen vom Strand erinnern

Düsseldorf. Tima Kurdi ist die Tante des so tragisch gestorbenen Aylan (3), dessen Bild die Welt erschütterte. Sie ärgert sich mittlerweile über das Foto, das ihn tot an einem türkischen Strand zeigt. Die Welt soll ihn anders in Erinnerung behalten.

Davon berichtet über Twitter Muhammad Lila hin, ein Journalist von ABC News. Er veröffentlichte ein Foto, das den kleinen Jungen lachend und vergnügt auf einem Spielplatz an einer Rutsche zeigt.

Er habe mit Aylans Tante gesprochen, schreibt Lila. Die habe darum gebeten, fortan nicht mehr das Bild am Strand zu zeigen. Die Welt solle ihn anders in Erinnerung behalten.

Kurdi traf der Tod des Neffen hart. Nun bemüht sie sich, zumindest die verbliebenen Mitglieder der Familie zu sich nach Kanada zu holen. Dort lebt die aus Syrien stammende Tima Kurdi seit zwei Jahrzehnten, und dorthin wollte auch die Familie ihres Bruders Abdullah, deren Boot auf der Überfahrt von der Türkei auf die griechische Insel Kos unterging.

Das Bild des toten dreijährigen Aylan an einem türkischen Strand war am Donnerstag um die Welt gegangen und hatte die Debatte über die Not der Bürgerkriegsflüchtlinge neu entfacht. Neben Aylan waren bei der Tragödie auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und ihre Mutter Rehanna umgekommen. Vater Abdullah hatte überlebt und seine toten Angehörigen am Freitag in ihrem syrischen Heimatort Kobane zu Grabe getragen.

Der Vater hatte erklärt, er wolle nun nicht mehr auswandern, sondern in der Nähe der Gräber seiner Familie bleiben. Tima Kurdi sagte am Freitag an ihrem Haus in der kanadischen Stadt Coquitlam, sie hoffe trotzdem, dass sie ihn nach Kanada holen könne, ebenso wie ihre anderen Geschwister.

"Wir sind alle emotional sehr davon berührt, was geschehen ist", sagte Kurdi. "Ich bin sicher, er wird es ablehnen und er wird Kobane nicht verlassen wollen." Dennoch werde sie ihn eines Tages zu sich holen. "Er kann da nicht alleine bleiben", sagte sie. Am Samstag sollte in Vancouver ein Gedenkgottesdienst für die beiden ertrunkenen Kleinkinder stattfinden.

Kurdi hatte nach eigenen Worten zunächst für ihren ältesten Bruder Mohammed die Einreise nach Kanada beantragt. Dies wurde abgelehnt, weil die Papiere nicht vollständig waren. Daraufhin entschloss sich der jüngere Bruder Abdullah, mit seiner Familie illegal die gefährliche Überfahrt nach Europa zu wagen. Dafür habe sie ihm 5000 Dollar überwiesen, um die Schlepper zu bezahlen, sagte Kurdi.

Deshalb mache sie sich nun Vorwürfe. "Ich fühle mich schuldig, weil mein Bruder kein Geld hat. Ich habe ihm Geld geschickt, um den Schlepper zu bezahlen. Hätte ich ihm das Geld nicht geschickt, wären diese Menschen noch am Leben." Doch sei die Reise die einzige Option für die Familie gewesen, ein besseres Leben in einem europäischen Land anzufangen, vielleicht in Deutschland oder Schweden. Die Risiken der Überfahrt habe ihr Bruder gekannt.

Aus Syrien wollte die Familie vor der Schreckensherrschaft der Terrormiliz Islamischer Staat flüchten. Der IS habe eine Verwandte ihrer Schwägerin geköpft, berichtete Kurdi. Ihr Bruder habe ihr ein Foto davon geschickt, doch habe sie es gelöscht, weil es zu grauenhaft gewesen sei.

Nach dem Tod seiner Familie habe ihr Bruder Abdullah ihr am Telefon gesagt, er wolle nun den Rest seines Lebens neben ihren Gräbern in Kobane sitzen. "Er sagte: Ich brauche nichts mehr von dieser Welt. Alles was ich hatte, ist verloren. Aber meine Kinder, meine Frau, es ist ein Weckruf für die Welt. Und hoffentlich schreiten sie ein und helfen anderen."

(ap)
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