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Farbrikbrand in Bangladesch
Opfer von Rana-Plaza-Katastrophe rappeln sich auf

November 2012: 115 Menschen sterben bei Fabrikbrand in Bangladesch
November 2012: 115 Menschen sterben bei Fabrikbrand in Bangladesch FOTO: dapd, Hasan Raza
Dhaka. Zwei Jahre nach dem schlimmsten Fabrikunglück in Bangladesch sieht es an der Einsturzstelle trostlos aus. Viele Überlebende aber stehen wieder im Leben: Sie haben einen Laden, verkaufen Batik, machen Kerzen. Oder schneidern sogar wieder Textilien.

Ein großes Loch klafft zwischen den mehrstöckigen Betonklötzen in Savar, einem staubigen und lauten Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Die Baulücke direkt an der Hauptstraße ist abgeriegelt von einem rostigen Stacheldrahtzaun. Davor steht eine kleine Tafel mit der Inschrift: "Ruhet in Frieden, Opfer der Rana-Plaza-Katastrophe - 24.04.2013 - Unsere Erinnerungen sind überschwemmt mit einer Milliarde Tränen."

An dieser Stelle geschah vor zwei Jahren das schlimmste Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs. Das achtstöckige Gebäude, in dem zahlreiche Textilfabriken untergebracht waren, fiel in Sekunden in sich zusammen. Danach gruben sich Helfer wochenlang durch die Trümmer. Sie bargen mehr als 1100 Leichen; 2500 Menschen wurden gerettet. Als alle Gebäudereste abgetragen waren, blieb das Grundstück sich selbst überlassen. So liegt es nun seit zwei Jahren in der heißen Sonne Bangladeschs: Schuttreste, Müll, ein müffelnder Tümpel in der Mitte.

Viele Überlebenden von damals hingegen rappelten sich auf. Rima, Hossain, Rehana, Airin, Ahidul, Shilpi, Munnaf, Runa - sie alle haben ihr Leben neu begonnen. Beim Einsturz wurden einige schwer verletzt, und alle verloren ihre Arbeit in den Fabriken. "Viele litten außerdem unter einem so großen Trauma, dass sie danach nicht in eine andere Textil-Fabrik gehen konnten", sagt Tobias Becker, Landesdirektor der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Runa Aktar etwa betreibt heute lieber einen kleinen Tante-Emma-Laden in Mojidpur, gar nicht weit von der Einsturzstelle entfernt. "Ich fürchte mich davor, große Gebäude zu betreten", sagt die 24-Jährige. Das Handwerk als Kleinstunternehmerin lernte sie im Zentrum für die Rehabilitation der Gelähmten (CRP), wo sie vor zwei Jahren wegen ihrer schweren Kopfverletzung zur Behandlung war. "Ich hörte während der Therapie von dem Berufstraining und bin sofort hingegangen", sagt sie. Insgesamt 99 Betroffenen haben CRP und GIZ so geholfen.

Auch der 42-jährige Munnaf Khan wurde so zum Unternehmer. Er konnte dank seinem früheren Job bei "New Wave Style" im achten Stock von Rana Plaza bereits Kleidungsstücke nähen - wusste aber nicht, wie er die richtigen Maße nimmt, zuschneidet, einnäht, stärkt. Das lernte er in einem sechsmonatigen Kurs bei CRP. Und heute führt er eine eigene kleine Schneiderei. "Ich fühlte mich stark genug, in dem Beruf weiterzumachen", sagt er.

Gerade ist er in einen größeren Raum umgezogen, in dem sich unter dem frischen Bambusdach nun die gestreiften Hemden stapeln. Stolz breitet er sie auf der Theke aus - mit beiden Armen. Dabei war der linke Arm nach dem Unglück zunächst gelähmt. "Ich hatte kein Gefühl. Selbst nach Wochen wurde es auf dem Dorf nicht besser. Erst als ich zurück in die Stadt kam und zur Physiotherapie ging, kam das Empfinden zurück", sagt er. Die Erfahrung hat ihn offenbar sensibilisiert: Khan beschäftigt jetzt einen jungen Mann, der an Krücken gehen muss.

Von den Überlebenden der Katastrophe sind 160 dauerhaft körperlich behindert. "Beim Einsturz blieben viele mit einer Hand oder einem Fuß zwischen den Betonteilen stecken. Alle schrien damals", erinnert sich Shafiq-ul Islam, geschäftsführender Direktor von CRP. Das Zentrum ist nur wenige hundert Meter von der Einsturzstelle entfernt und schickte sofort Hilfe. "Die Ärzte mussten sofort entscheiden: Graben wir die Festsitzenden aus, oder amputieren wir vor Ort?"

Noch viel mehr Rana-Plaza-Opfer leiden bis heute psychisch. Fast zwei Drittel der 1414 Überlebenden, die von der Hilfsorganisation Actionaid befragt wurden, müssen nach wie vor regelmäßig einen Arzt oder eine Organisation zur Nachsorge aufsuchen - die meisten von ihnen wegen Traumata. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) seien bis heute arbeitslos. Immerhin: vor einem Jahr waren es noch 74 Prozent.

Damit die Überlebenden auch in Zukunft gut mit Prothesen und anderen Hilfsmitteln versorgt werden können, baut die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz die landesweit erste Schule für Orthopädiemediziner bei CPR auf. Im vergangenen Jahr startete der erste Kurs. "Das Gute ist: Nach dem Rana-Plaza-Unglück ist das Bewusstsein in Bangladesch gewachsen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt", sagt Islam.

 

(dpa)
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