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Autor Terry Pratchett plädiert für Sterbehilfe
BBC zeigt Selbsttötung eines Millionärs

Autor Terry Pratchett plädiert für Sterbehilfe: BBC zeigt Selbsttötung eines Millionärs
Schriftsteller Terry Pratchett kämpft in England für die aktive Sterbehilfe. FOTO: PA, AP
London. "Sei stark, mein Liebling", sagt sanft Peter Smedley zu seiner Frau, ehe er ein Glas mit einer Giftmischung leert. "Ich danke euch", verabschiedet sich ruhig und würdevoll der 71-jährige englische Millionär von allen Anwesenden im Zimmer - und vor den Menschen, die vor der Kamera zuschauen. Denn ein Filmteam der BBC war dabei, als er aus dem Leben schied. Von Alexei Makartsev

Die Kamera schwenkt auf den aufgewühlten Schriftsteller Terry Pratchett, der mit Mühe ein Schluchzen unterdrückt. Minuten später gibt es Smedley nicht mehr und eine Mitarbeiterin der Organisation Dignitas öffnet in einer symbolischen Geste das Fenster, damit die Seele des Toten in die Freiheit entweichen kann.

Leben war unerträgliche Last

Das Leben war zu einer unerträglichen Last geworden für den Ex-Hotelunternehmer Peter Smedley, der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS litt, und der seiner Frau nicht die Pflege eines Krüppels zumuten wollte. Als der reiche Villenbesitzer auf Guernsey sich kurz vor Weihnachten 2010 dafür entschied, mit fremder Hilfe in der Schweiz zu sterben, durfte ein Filmteam der BBC mitkommen.

Am Montagabend fiel in Großbritannien ein Tabu: Erstmals sah die breite Öffentlichkeit im Fernsehen eine Selbsttötung aus nächster Nähe und in allen dramatischen Details. Zwar hatte der kostenpflichtige Kabelsender Sky bereits Ende 2008 eine ähnlich umstrittene Dokumentation über Dignitas ausgestrahlt, doch damals hatten lediglich nur etwa 230.000 Menschen zugeschaut.

Am Pfingstmontag beobachteten knapp zwei Millionen Briten, wie Smedley in einem blau gestrichenen Haus bei Zürich die tödliche Substanz Penobarbital trank, um die anwesende Ärztin wenig später keuchend und röchelnd nach Wasser zu bitten. Er bekam keines. Der grauhaarige Mann verlor daraufhin das Bewusstsein, und sein Herz blieb stehen.

Entrüstung über "Selbstmord TV"

Wie erwartet, sorgte das "Selbstmord-TV" für Entrüstung im Königreich: Gestern beschwerten sich bei der BBC fast 1000 Zuschauer schriftlich über das Programm. Es half dem Sender wenig, dass die Dokumentation über die Sterbehilfe von einem berühmten Schriftsteller präsentiert wurde.

Der Erfinder der "Scheibenwelt", Sir Terry Pratchett, hat seit den 70er Jahren weltweit 65 Millionen Fantasy-Bücher veröffentlicht, wofür er 2009 von der Queen den Ritter-Titel verliehen bekam. Ein Jahr früher hatten die Ärzte bei dem damals 60-jährigen Pratchett eine seltene Form der Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Seitdem kämpft der Prominente um die Legalisierung der Sterbehilfe in Großbritannien.

"Wenn ich nicht mehr schreiben und mit meinen Freunden kommunizieren kann, werde ich gehen", sagt in der emotionalen TV-Doku der Bestseller-Autor, der offen seinen eigenen Verfall schildert. Pratchett hat bereits alle nötigen Dokumente von Dignitas erhalten, die ihm im Notfall einen begleiteten Selbstmord ermöglichen.

 Er weiß noch nicht genau, wo und wie er seinem Leben ein Ende setzen will. Es steht jedoch für Sir Terry fest, dass außer ihm niemand anders – auch nicht der Staat – das letzte Wort darüber haben darf. "Ich schäme mich dafür, dass heute die Briten gezwungen sind, sich in die Schweiz zu schleppen, weil hier die Politiker ihnen die Rücken zukehren", kritisiert der Filmemacher, der nach eigenen Worten über den "friedlichen" Tod des "tapferen" Peter Smedley geweint hat.

Versuchter Selbstmord in England nicht mehr strafbar

Seit 1961 ist der versuchte Selbstmord in England nicht strafbar. Illegal bleiben jedoch die "Anstiftung, Beratung und Hilfe" zum Suizid, die mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden können. Allerdings sind solche Urteile selten. Mehr als 100 Briten haben sich bislang bei Dignitas das Leben genommen. In allen Fällen ermittelte die Polizei, doch die Familien der Selbstmörder mussten sich nicht vor Gericht verantworten.

Die Befürworter der Euthanasie sehen sich auf dem richtigen Weg, seit die Staatsanwaltschaft 2009 nach einer Klage einer behinderten Frau die Kriterien der möglichen strafrechtlichen Verfolgung von Sterbehelfern veröffentlicht hat.

Kommission erarbeitet Vorschläge für Regierungsentwurf

Zurzeit sammelt eine Kommission unter der Leitung des Ex-Justizministers Lord Falconer alle Argumente pro und contra Sterbehilfe. Sie wird im Dezember der Regierung ihre Vorschläge unterbreiten. Die BBC-Doku wurde von zahlreichen Organisationen als "bewegend, sensibel und ehrlich" gewürdigt. Die Gegner der Sterbehilfe warfen jedoch gestern dem Sender vor, den Tod zu "romantisieren".

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