Opferzahl auf 22.000 korrigiert: Birmas Führung wurde vor Zyklon gewarnt
zuletzt aktualisiert: 06.05.2008 - 16:46Rangun (RPO). Die birmanischen Behörden geraten immer stärker in die Kritik. Nach neuesten Erkenntnissen haben indische Wetterexperten offensichtlich 48 Stunden vor Eintreffen des Zyklons die Militärjunta über den drohenden Sturm informiert. Doch die Bevölkerung wurde wohl nicht gewarnt.
"48 Stunden bevor 'Nargis' zuschlug, gaben wir seinen Landepunkt, seine Stärke und alle damit zusammenhängenden Informationen an die birmanischen Behörden", sagte der Sprecher der indischen Wetterbehörde, B.P. Yadav.
Der Zyklon "Nargis" war in der Nacht zum Samstag über Teile des südostasiatischen Landes hinweggezogen und riss jüngsten staatlichen Angaben zufolge mindestens 22.000 Menschen in den Tod. Mehr als 40.000 Menschen wurden am Dienstag vermisst.
Die UNO und die US-Präsidentengattin Laura Bush hatten nach dem Bekanntwerden der Katastrophe kritisiert, die Militärjunta habe nichts unternommen, um die Menschen vor dem gefährlichen Sturm zu warnen.
Die Katastrophe:
Erst nach und nach wird ihr Ausmaß deutlich. Vielerorts können die Behörden die betroffenen Gebiete gar nicht erreichen. Die marode und von der Regierung vernachlässigte Infrastruktur Birmas ist daran schuld. Zuerst war von 2000 Toten die Rede. Am Montag von tausenden. Inzwischen sprechen auch staatliche Medien von 22.000 Opfern. Vorläufig.
Die Verwüstungen von "Nargis" könnten nach Angaben einer Hilfsorganisation schlimmer sein als nach dem Tsunami im Indischen Ozean zu Weihnachten 2004. Die betroffenen Regionen seien übersät von Leichnamen, erklärte die Hilfsorganisation World Vision nach einem Hubschrauberflug über Birma. Damals starben insgesamt 220.000 Menschen.
Die Vereinten Nationen rechnen mit einer Million Obdachloser. Einige Dörfer seien vollständig ausgelöscht worden, sagte WFP-Sprecher Paul Risley am Dienstag in Bangkok. Die Versorgung der Überlebenden ist blockiert. "Die Herausforderung besteht darin, trotz der blockierten Straßen in die betroffenen Gegenden zu gelangen", sagt Risley Große Reisanbauflächen sind zerstört.
Der Zyklon "Nargis" war mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern im Golf von Bengalen aufgezogen und am Freitagabend im birmanischen Irawadi-Flussdelta aufs Land getroffen. Von dort aus zog der Wirbelsturm am Samstag weiter ostwärts und verwüstete mehrere Regionen im Süden des Landes, einschließlich der größten Stadt Rangun.
Das Versagen der Machthaber
Weil die in Birma seit 40 Jahren herrschende Militärregierung ihr Land abschottet, weiß man nicht viel Gesichertes über die Vorgänge in Birma. Aber alles spricht für ein Totalversagen der Militärjunta. Zudem hatten indische Wetterexperten die birmanischen Behörden vor dem Wirbelsturm gewarnt.
Augenzeugen aus Rangun berichteten dem birmanischen Exilmagazin "Irrawaddy", die 400.000 Mann starke Armee tue bisher kaum etwas, um den Opfern des Wirbelsturms zu helfen. Einer sagte: "Wo sind all diese Uniformierten, die immer bereit sind, Zivilisten zu verprügeln? Sie sollten herkommen, bei den Aufräumarbeiten helfen und die Stromversorgung wieder herstellen."
Die Regierung Birmas hat eindringlich um internationale Hilfe gebeten. Das ist neu. Denn bisher kapselten die Machthaber ihr Land systematisch von der Außenwelt ab. Auch bei früheren Naturkatastrophen wie dem Tsunami Ende 2005 hatte die Junta jede ausländische Hilfe abgelehnt. Ihre Sorge: Die Helfer könnten berichten, wie schlimm es wirklich um Birma steht.
Diesmal ist das Elend so groß, dass die Machthaber Helfer ins Land lassen. Misereor-Expertin Corinna Broeckmann glaubt zu wissen warum: "Deren Sorge ist, dass es Unruhen geben könnte, wenn nicht schnell geholfen wird", sagte die für Birma zuständige Länderreferentin des katholischen Hilfswerks der "Frankfurter Rundschau". "Ich kann mir vorstellen, dass die Regierung froh ist, wenn sich möglichst viele bei der Hilfe beteiligen."
Die Helfer
Inzwischen traf erste Hilfe in dem südostasiatischen Land ein. Eine Militärmaschine brachte neun Tonnen Hilfsgüter. Birma hat besonders um Baumaterial für Dächer, um Medikamente, Wasserreinigungstabletten und Moskitonetze gebeten.
Die Vereinten Nationen mobilisierten nach Angaben von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein Experten-Team zur Einschätzung der Lage. Es könne vielleicht schon am Dienstag abreisen, sagte ein UN-Sprecher. Auch Birmas enger Verbündeter China sagte dem Land Hilfe zu. Präsident Hu Jintao erklärte, als guter Nachbar werde China den Wiederaufbau in Birma unterstützen. Nähere Einzelheiten nannte er nicht.
Die Militärjunta
Trotz des verheerenden Ausmaßes der Wirbelsturmkatastrophe in Birma will die Regierung das für Samstag geplante Verfassungsreferendum im Großteil des Landes abhalten lassen. Lediglich in 47 Gemeinden werde die Abstimmung verschoben, berichtete das staatliche Fernsehen MRTV am Dienstag.
„Das an diesem Samstag geplante Verfassungsreferendum erscheint ihnen wichtiger, als diese Katastrophe“, schimpft die französischen Zeitung "L'Indépendant du Midi". Damit wollen die Militärs ihre Macht festschreiben. Mit Gewalt versuchten die Generäle bisher, das Volk zur Zustimmung zu zwingen.
Das Versagen des Militärs bei der Bewältigung der Katastrophe könnte am Samstag trotzdem zu einer Ablehnung führen. Gründe gäbe es auch ohne den Sturm genug: Birma war einst ein wohlhabendes Land, die "Reiskammer Asiens".
Heute ist es eines der ärmsten. Die gestiegenen Benzinpreise lösten im vergangenen Herbst die Massenproteste aus. Für viele Beobachter ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis zu Hungerrevolten führen.
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