Flüchtlingslager werden aufgelöst: Birmas Herrscher schicken ihr Volk in den Tod
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 02.06.2008 - 15:23Düsseldorf (RPO). Birmas Militärregierung hat Hilfsorganisationen zufolge damit begonnen, zehntausende Sturmopfer aus den Flüchtlingslagern zu vertreiben. Sie sollen in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren. Ihnen drohen Durst, Hunger und Seuchen. Es ist als wolle die Regierung die Menschen in den Tod schicken, sagen Helfer. Sie wissen, was die Flüchtlinge im Katastrophengebiet erwartet.
Denn nach und nach können sich auch ausländische Helfer ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung im Irrawady-Delta machen. Zwar behindert die Junta internationale Helfer, wo sie kann. Militärkontrollen, willkürliche Strafzölle, Straßensperren – das Spektrum der Schikanen ist breit gefächert. Doch unermüdlich arbeiten sich die Helfer im tropischen Regen ins Katastrophengebiet vor. Was sie dort sehen, jagt selbst hartgesottene Helfern den Schrecken in die Glieder.
Schlimmer nach sind die Erzählungen der Überlebenden. Viele sind traumatisiert. Sie haben das Fühlen verlernt, wollen nicht akzeptieren, dass ihre Angehörigen bei der Katastrophe ums Leben gekommen sind.
"Ich habe einen Mann behandelt, der verwundet war", berichtet ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. "Er hat sein Kind auf dem Rücken getragen, als er durch die Fluten schwamm. Doch nach einer Weile hatte er keine Kraft mehr. Er musste sein Kind loslassen." Daraufhin sei seine Frau dem Kind hinterhergeschwommen. Beide ertranken.
Aus anderen Erlebnissen schöpfen die Helfer auch Hoffnung. Zum Beispiel der Begegnung mit dem Holzsammler Ko Htwe und dem elfjährigen Jungen Tun. Die beiden bildeten ein unzertrennliches Tandem, erzählt der Mitarbeiter von World Vision. Htwe hatte mit ansehen müssen, wie seine Familie vom Sturm auf die offene See gespült wurde. Er schwamm eine ganze Nacht, landete erschöpft auf einer Insel. Seine Angehörigen fand er nie wieder. Aber dafür den völlig ausgezehrten und verängstigten Tun, der ebenfalls seine Familie verloren hatte.
Die Schicksale der Sturmopfer sind in ein nahezu apokalytisches Szenario eingebettet. Streckenweise sehe es aus wie in einer Wüste, sagt eine Mitarbeiterin der Welthungerhilfe. "Mangrovenwälder, Palmenhaine, Häuser, Hütten, Felder – alles weg", berichtet sie. "Überall Trümmer, Verwüstung. Und in der Böschung hängen immer noch zahllose Wasserleichen, tote Kühe und Wasserbüffel."
In diese Gebiete will Birmas Militärregierung nun die Opfer zurückschicken. Sie sind dort ohne Lebensmittel und ohne medizinische Versorgung. Die Helfer haben dafür kein Verständnis. Derartige Lager seien natürlich immer nur eine Übergangslösung, bis die Rückkehr in die Heimat beginnen könne, sagt der Birma-Koordinator der Kindernothilfe, Detlef Hiller. Aber gerade in der jetzigen Situation seien die offiziellen Lager wichtige Anlaufpunkte, um möglichst viele Menschen schnell zu erreichen.
Birmas Junta ist das offenbar gleichgültig. Das Leben, das Leid zehntausender Menschen, die in den Lagern das Nötigste gefunden haben – es wird der Stabilität des Regimes untergeordnet. Die unter Verfolgungswahn leidenden Militärs möchten von der Katastrophe nichts mehr wissen. Die Bilder von Flüchtlingslagern sollen der Vergangenheit angehören.
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