| 14.15 Uhr

Nemzow-Freundin Anna Durizkaja
Die letzte Zeugin gibt Rätsel auf

Anna Durizkaja – Model und Partnerin von Boris Nemzow
Anna Durizkaja – Model und Partnerin von Boris Nemzow FOTO: afp/Daria Buznikova
Moskau. Seine engsten Freunde nehmen Abschied vom ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow. Am Freitagabend war er hinterrücks erschossen worden. Nicht an seinem Sarg ist Nemzows Freundin. Das ukrainische Model Anna Durizkaja hat Russland fluchtartig verlassen. Sie erweist sich in dem mysteriösen Mordfall als weiteres Rätsel.

Kurz nach Mitternacht flog Durizkaja in ihre Heimat nach Kiew, weg von den russischen Behörden, die sie zuvor in die Mangel genommen hatten. Die 23-Jährige hatte sich seit Samstag unter Polizeischutz befunden und war ausführlich befragt worden. Denn sie befand sich an Nemzows Seite, als die tödlichen Schüsse fielen.

Jetzt soll sie sich in Kiew bei ihrer Mutter befinden. Ihr Anwalt Wadim Prochorow beschreibt seine Mandantin als emotional ausgezehrt. "Sie hat eine vollständige und erschöpfende Schilderung ihrer letzten Stunden mit Boris abgegeben", sagte er. Sollten weitere Ermittlungen angefordert werden, werde sie wie versprochen kooperieren. "Die Hauptsache ist, dass die Schuldigen verfolgt werden", fügte Prochorow hinzu.

Ob die junge Lebensgefährtin des russischen Oppositionsführers tatsächlich so bereitwillig kooperieren wird, steht auf einem anderen Blatt. Sie sei gegen ihren Willen festgehalten worden, hatte sie sich zuvor über die russischen Behörden beschwert. Laut "Bild" sollte sie sogar einen Test mit einem Lügendetektor absolvieren. Denn wie auch russische Medien berichten, zählt sie zum Kreis der Verdächtigen. Sie selbst streitet das ab.

Spaziergang um halb zwölf

Knapp vier Tage nach dem Mord schießen die Spekulationen ins Kraut. Bislang gibt es keine heiße Spur. Russischen Medien zufolge ermitteln die Behörden derzeit verstärkt in Richtung russischer Rechtsextremisten. Doch auch andere Hergänge werden nicht ausgeschlossen. Und das schließt offenkundig auch eine Theorie mit ein, in der das Model Anna Durizkaja eine zentrale Rolle spielt.

Durizkaja gilt als einzige Zeugin. Sie ging mit Nemzow am späten Freitagabend nach einem Restaurantbesuch spazieren. Zuvor sollen sie den ganzen Tag gemeinsam in der Wohnung des Politikers verbracht haben, bis Nemzow zu einem Interview-Termin aufbrach. Am Abend dann trafen sie sich erneut.

"Alles ging ganz schnell"

Von der Tat selbst will die 23-Jährige nichts mitbekommen haben. Sie sei vor Nemzow gelaufen, als die Schüsse fielen. Und auch zuvor sei ihr niemand aufgefallen. Sie habe Nemzows Angreifer nicht gesehen, sagte sie einem russischen Sender. "Ich drehte mich um und alles, was ich sah, war ein hellfarbenes Auto, als es weg fuhr", erklärte Durizkaja. "Alles ging ganz schnell."

Sie selbst benachrichtigte die Polizei. Dem Sender Doschd sagte Durizkaja, dass sie nach den Schüssen auf den Fahrer des Schneepflugs zugegangen sei, um nach der örtlichen Notrufnummer zu fragen. Nachdem er ihr die Nummer gegeben habe, sei der Fahrer weggefahren.

Warum wurde sie verschont?

Die einzige Zeugin erweist sich somit nicht wirklich als Hilfe. Schon ist in Medien auch die Frage aufgekommen, warum sie überhaupt von den Killern verschont wurde, obwohl sie als Augenzeugin ein beträchtliches Risiko darstellen dürfte. Dass Durizkaja im entscheidenden Moment keinerlei Einzelheiten mitbekommen würde, davon konnten die Mörder kaum ausgehen.

Somit erweist sich die Ukrainerin als ein weiteres Rätsel in einem Fall, der ohnehin schon voller Ungereimtheiten steckt. Die Theorien über Hintermänner und Motive reichen inzwischen schon über Geheimdienste des Kreml, Rechtsradikale oder pure Eifersucht hinaus. So sprach Putins Sprecher Dmitrij Peskow am Wochenende von "Zeichen eines Auftragsmordes" "einer großen Provokation".

Die Theorie vom Auftragsmord

Russische Innenpolitiker deuten das bereits auf ihre Weise: So sucht etwa Gennadi Sjuganow, Chef der russischen Kommunisten, die Schuldigen im Ausland. Der "Deutschlandfunk" notierte bei einer Sondersendung im russischen Fernsehen seine Gedankenführung: "Man muss bei den Ermittlungen doch von der einfachen Frage aus gehen: Wem nützt das Verbrechen? Dem Kreml nicht. Der Opposition nicht. Der regierenden Partei auch nicht. Es nützt denen, die das Bombardement Jugoslawiens organisiert haben, die die Kriege im Nahen Osten und den Maidan entfacht haben. "

Die Summe an Rätseln wird ergänzt um seltsame Begleiterscheinungen in der Mordnacht. So soll die Polizei ganze zwölf Minuten gebraucht haben, bis sie am Tatort war. Und das keine hundert Meter vom Kreml entfernt, im Herzen von Moskau. Die Gegend, in der sich die Tat ereignete, gilt als eine der am stärksten gesicherten Gebiete der russischen Hauptstadt.

Was filmten die Kameras?

Zudem blieb bis heute unklar, ob die Tat von Überwachungskameras gefilmt wurde. Die Wirtschaftszeitung "Kommersant" berichtete unter Berufung auf Quellen im Innenministerium, es gebe kein entsprechendes Video von der Tötung, da die fraglichen Kameras zu dem Zeitpunkt nicht funktioniert hätten. Hingegen erklärte am Montag die Sprecherin der Moskauer Behörde für Informationstechnologie, Jelena Nowikowa, alle Kameras "im Besitz der Stadt" seien in der Mordnacht funktionstüchtig gewesen.

Der Fernsehsender TV Center, der von der Stadtregierung kontrolliert wird, strahlte ein unscharfes Video aus, das von einer seiner Webkameras gefilmt wurde und den Angaben zufolge Nemzow und seine Begleiterin kurz vor dem Mord zeigt. Ein Fahrzeug, das der Sender als einen Schneepflug identifizierte, bewegt sich darauf langsam hinter dem Paar her und verdeckt die Sicht auf die Schießerei. TV Center markierte in den Aufnahmen auch den mutmaßlichen Mörder, der in ein vorbeifahrendes Auto springt. Die Echtheit dieser Aufnahmen konnte nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden.

Die Behörden haben umgerechnet rund 44.000 Euro für Hinweise ausgesetzt.

Mit Material von AP

 
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