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Brite will Flüchtlingsmädchen helfen - und muss vielleicht ins Gefängnis

Brite will Flüchtlingsmädchen helfen und muss vielleicht ins Gefängnis
FOTO: Caro/Westermann
London. Im "Neuen Dschungel" herrschen erbärmliche Zustände. Eine improvisierte Zeltstadt, die an ein Elendsviertel in Lateinamerika erinnert. Dabei liegt der "Neue Dschungel" mitten in der Europäischen Union, im nordfranzösischen Calais.

Hier lebt die vierjährige Bahar Ahmadi aus Afghanistan unter prekären Umständen. Der britische Helfer Rob Lawrie wollte das nicht länger mit ansehen und versuchte, das kleine Mädchen zu afghanischen Verwandten nach Großbritannien zu bringen. Doch der Versuch scheiterte - und Lawrie droht nun das Gefängnis.

"Wer um Himmels willen würde ein Kind eher in einem Zelt auf einer Mülldeponie lassen, als mir zu erlauben, dieses Kind zu seiner Familie zu bringen, fünf Meilen von dort, wo ich lebe?", sagt Lawrie. Der 49-Jährige erinnert sich, was ihn zu seiner Entscheidung trieb, die kleine Bahar, die er "Bru" nennt, mit nach Großbritannien zu nehmen: "An dem Abend, an dem ich sie schließlich mitnahm, saßen wir um ein Lagerfeuer herum. Bru saß auf meinen Knien und schlief schließlich ein", erzählt Lawrie. "Das war der Punkt, an dem ich dachte, 'Ich kann dieses Mädchen doch nicht hier lassen'."

Rob Lawrie wuchs in einem Kinderheim auf, ist heute Vater von vier Kindern und betreibt ein Unternehmen für Teppichreinigung. Als Anfang September das Foto des dreijährigen Flüchtlingsjungen Ailan Kurdi um die Welt ging, dessen Leiche an einem türkischen Strand angespült wurde, entschloss sich Lawrie, selbst zu helfen. Seither bringt der Brite aus der Gegend von Leeds in Zentralengland Hilfen zu den rund 6000 in Calais gestrandeten Flüchtlingen, die auf eine Zukunft im nahen Großbritannien hoffen. Im Lager hilft er bei der Errichtung behelfsmäßiger Unterkünfte. Sein eigenes Unternehmen ruht seither.

In Calais traf Lawrie auf Bahar und ihren Vater Resa. "Ich war gerade dabei, meine erste Hütte zu bauen, als sie anfing, mir zu helfen", erinnert sich der Brite. "Sie war nur vier Jahre alt, aber versuchte, Bretter zu tragen und Nägel einzuschlagen, sie folgte mir überall hin." Es sei ihr Vater gewesen, der ihn mehrfach gebeten habe, Bahar über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu ihren Verwandten zu bringen. Schließlich habe er eingewilligt.

Am 24. Oktober versteckte Lawrie das Mädchen in einem Fach in der Kabine seines Lastwagens. Nachdem er zunächst den französischen und dann den britischen Zoll passierte und sich faktisch auf britischem Boden befand, entdeckten Spürhunde zwei Flüchtlinge aus Eritrea, die sich im hinteren Lkw-Teil versteckt hatten. Lawrie versichert, von den beiden nichts gewusst zu haben.

Schließlich habe sich ein freundlicher französischer Polizist genähert, berichtet Lawrie. "Ich ging mit ihm mit. Was ich nicht bemerkte, war, dass er versuchte, mich zurück auf französischen Boden zu bringen." Sobald er diesen betreten habe, seien ihm Handschellen angelegt worden. Unter Schock verbrachte er drei Tage in französischem Gewahrsam, das Mädchen kam zurück in den "Neuen Dschungel". Am 14. Januar muss Lawrie in Frankreich zu einer Gerichtsanhörung erscheinen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von 30.000 Euro.

Er werde sich dem Verfahren stellen, sagt der 49-Jährige. "Ich bin noch nie in meinem Leben vor etwas weggelaufen, ich weiß, dass ich etwas Illegales getan habe, aber ich glaube nicht, dass ich etwas moralisch Illegales getan habe." Überwältigenden Beistand erhält Lawrie von Unterstützern im Internet. Mehr als 40.000 Menschen unterzeichneten bereits eine Online-Petition in Großbritannien, mehr als 50.000 eine weitere in Frankreich. In ihr heißt es: "Er hat zwar gegen das Gesetz verstoßen, aber verdient er wirklich das Gefängnis, weil er ein bisschen Menschlichkeit zeigte?"

 

(AFP)
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