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Zwei Jahre nach Hurrikan "Katrina"
"Bush hat New Orleans vergessen"

New Orleans feiert Mardi Gras
New Orleans feiert Mardi Gras FOTO: AP
New Orleans (RP). Zwei Jahre nach dem Hurrikan Katrina kommt die Auferstehung von New Orleans nur mühsam voran. Dem bewundernswerten Pioniergeist der Rückkehrer steht ein Staat gegenüber, der die Aufbauwilligen behindert, statt ihnen zu helfen. Von Frank Herrmann

Die Marienfigur steht wieder, die Fensterscheiben sind drin, die hässlichen Sperrholzplatten verschwunden. Viele hatten die St. David's Church bereits abgeschrieben, es ist ein kleines Wunder, dass Pastor Joseph Campion überhaupt wieder Messen liest. "Wo Kirchen stehen, da lassen sich bald auch die Menschen nieder", erläutert Mary Croom-Fontenot ihre Strategie. Gotteshäuser als Leuchttürme des Neuaufbaus, so ungefähr soll es gehen.

Das ist aber auch schon, was die Chefin der Hilfsorganisation "Act" an Positivem zu sagen hat. Die Hände in die Hüften gestemmt, macht sie ihrem Ärger Luft. "Schauen Sie sich um. Kein Supermarkt, keine Schule, keine Tankstelle, nichts. Als lebten wir in einem verdammten Ghetto." Der Blick geht auf Unkrautfelder und Abfallhaufen, auf Berge aus Holzbalken und alter Dachpappe. "Keine Bulldozer!", flehen Graffiti-Parolen im Lower Ninth Ward, einem Viertel, das vollständig zerstört wurde vom Hurrikan Katrina.

Wie Inseln ragen ein paar intakte Gebäude aus dem Meer des Zerfalls: die katholische Kirche, eine winzige Arztpraxis, das kanariengelbe Haus von Fats Domino, der Blues-Legende. Am 29. August 2005, als das Schlimmste überstanden schien und dann doch die Dämme brachen, an diesem Tag hatten Retter den alten Mann von seinem Dach gezogen. Jetzt ist er zurück, ein echter Lokalpatriot.

Rassismus?

Es dauert nicht lange, da ist Mary Croom-Fontenot bei dem Punkt angelangt, der die USA bereits vor zwei Jahren beschämte. "Natürlich ist Rassismus im Spiel", ruft sie zornig. "Uns Schwarze lässt man schon wieder im Stich." Im Lower Ninth Ward lebten fast durchweg Afroamerikaner. Die meisten sind weg, schlagen sich in Houston oder Baton Rouge durch. Ihnen fehlt schlicht das Geld, das man braucht, um aus einem Schutthaufen ein Haus zu machen.

"Rassismus? Nein, das Problem ist nicht Schwarz und Weiß, es ist Arm und Reich", meint Shelley Midura. Die Stadträtin war früher Diplomatin, doch sie bemüht sich erst gar nicht, die Lage diplomatisch zu schönen. "Unsere Infrastruktur liegt zu 80 Prozent am Boden. Und George W. Bush vergisst uns. Er hat uns in seiner letzten Rede zur Lage der Nation nicht mal erwähnt."

Unmittelbar nach Katrina stand die Frage im Raum, ob es New Orleans jemals schaffen würde, ob es sich überhaupt lohnte, dieses Vineta erneut aufzubauen. Heute zählt die Stadt rund 260.000 Bewohner, 42 Prozent weniger als vor dem Wirbelsturm.

Im Touristenmekka des French Quarter, das höher liegt und daher trocken blieb, ist von dem Aderlass wenig zu spüren. In den Jazzkneipen tanzt der Bär, die nachts neonhelle Bourbon Street lockt mit Freiheiten, die im strengeren Rest Amerikas tabu sind. Hier darf man mit einem Bier in der Hand über die Straße schlendern, ohne dass sich die Polizei daran stört. Aber sonst? "Wer zurückkommt, braucht Pioniergeist", sagt Sharon Henry, eine Psychologin. Ein bisschen klingt es nach Wildwest.

Selbstmordrate drastisch gestiegen

Henry wertet die Todesanzeigen der "Times-Picayune" aus, um Trends abzulesen. 2003 druckte die Lokalzeitung 294 pro Monat, 2006 waren es 1317, bei deutlich geringerer Einwohnerzahl. Das Verbrechen grassiert, Drogencliquen stehen im Krieg. Die Polizei operiert mehr schlecht als recht in Wohnwagenlagern, ihr forensisches Labor ist kaputt. Auch die Selbstmordrate ist drastisch gestiegen. "Jeder hier leidet an posttraumatischem Stress", schildert Henry die Seelenlage.

Zwar sind Bautrupps der Armee dabei, die Levees zu verstärken, die Wälle, die dem Druck des Wassers nicht standhielten. In vier Jahren soll das neue System fertig sein. Bis dahin, mindestens, gehen die Pioniere ein gehöriges Risiko ein. Nicht nur das, sie müssen sich ihr Abenteuer auch leisten können. Die Stadt, die wegen ihres leichten Lebensgefühls "The Big Easy" hieß, sie ist sündhaft teuer.

Die Versicherungsprämien haben sich verdoppelt, die Mieten ebenso, die Grundsteuer ist nach oben geschnellt. Handwerker sind so knapp, dass die Aufbauwilligen monatelang warten müssen auf Maurer oder Fliesenleger. Zu allem Überfluss macht das Rathaus Stimmung gegen die Mexikaner, die traditionell auf Baustellen malochten.

Banden reißen Kupferrohre aus den Häusern, und weil es an Klempnern fehlt, dauert es, bis der Schaden repariert ist. Hinzu kommt ein bürokratisches Gestrüpp, mit dem sich die Regierenden im fernen Washington ebenso wie die vor Ort bis auf die Knochen blamieren. Das Programm "Road Home" etwa: Der Volksmund hat es "Road to Nowhere" getauft, "Straße ins Nichts".

Theoretisch hat jeder, dessen Heim von der Flut heimgesucht wurde, Anspruch auf Entschädigung. Theoretisch muss der Staat für den Teil des Schadens aufkommen, den die Versicherungen nicht zahlen. 180 000 New Orleanians haben entsprechende Anträge gestellt. Anfangs sollten sie Papiere beilegen, die das Wasser aufgeweicht oder weggespült hatte, Stromrechnungen und Steuerbescheide aus der Zeit vor 2005.

Erst in einem Viertel der Fälle ergingen (oft falsche) Bescheide. In ärmeren Ecken, wo die meisten auf das Geld vom Fiskus angewiesen sind, ehe sie renovieren können, tut sich folglich fast nichts. Ohne die Tausenden von Freiwilligen, die aus dem ganzen Land herbeiströmten, wäre dort überhaupt nichts passiert.

Frische Farbe und eine Portion Trotz

In der Louisville Street Nr. 6118 riecht es nach frischer Farbe. Die Holzdielen duften, die neuen Doppelfenster sollen Energie sparen. Noch leben Sharon und Stuart Schmidt in ihrer "Zelle", der Enge eines Campingwagens. Doch ein Ende ist abzusehen. Stuart ist Zimmermann, macht vieles selber. Sie haben genug Erspartes auf dem Konto, um nicht auf die Road-Home-Dollars angewiesen zu sein.

Die Frage war, ob die früheren Nachbarn mitziehen wollten. Zwar hat es sich immer gut gelebt in Lakeview, dem Traum der Mittelklasse. Aber Lakeview liegt eben auch unter dem Meeresspiegel und ist chronisch gefährdet. Es war Denise Thornton, die die Schmidts ansteckte mit ihrem Optimismus.

Ein Energiebündel von einer Frau, ihr Lieblingswort scheint "Girlpower" zu sein. Von Spendengeld kaufte sie Schaufeln, Harken und Rasenmäher, um draußen Ordnung zu schaffen, dazu ein Faxgerät und einen Kopierer. Aus ihrer Wohnung machte sie einen Nachbarschaftstreff, kochte Kaffee für alle und gab dem Ganzen einen Namen: Beacons of Hope, Fackeln der Hoffnung.

Jede Fassade, hinter der wieder Licht brennt, ist so eine Fackel, auch die der Schmidts. Bei denen liegt die Eingangstür jetzt übrigens zwei Meter über Straßenniveau. Mittels hydraulischer Kraft ließen sie ihr Haus anheben, stellten es auf ein Podest, in der Hoffnung, so die nächste Flut zu überstehen. "Ich fühl mich sicher, ich fühl mich gut", sagt Stuart Schmidt. Ganz überzeugt klingt er nicht, eher trotzig.

 
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