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Boom von Sexpuppen
Chinesische Männer suchen nach künstlicher Liebe

Hintergrund: Fakten und Vorurteile beim Sex
Hintergrund: Fakten und Vorurteile beim Sex FOTO: Shutterstock/Jackfoto
Vor allem chinesische Wanderarbeiter, die unter der Woche getrennt von ihren Frauen leben, suchen sich eine künstliche Zweitfrau. Der Boom im Handel mit Sexpuppen verrät einiges über die Politik und Kultur im Reich der Mitte. Von Aaron Clamann

Herr Liu hat einen gut bezahlten Job bei einem Automobilhersteller in China. Unter der Woche lebt Herr Liu getrennt von seiner Frau. Zum einen liegt sein Arbeitsplatz zu weit entfernt von der Heimat, um täglich wieder heim zu fahren, zum anderen ist seine Frau auch berufstätig und die beiden würden sich vermutlich auch so kaum sehen. In seinem kleinen Stadtappartement in Peking hat sich Liu oft allein gefühlt. Doch seit einiger Zeit leistet ihm seine Zweitfrau "156" Gesellschaft.

Der Preis für künstliche Liebe

Der ungewöhnlich anmutende Name "156" ist kein Fehler bei der Interpretation chinesischer Schriftzeichen, sondern steht für die Größe von Herrn Lius künstlicher Freundin. 156 Zentimeter scheint für Herrn Liu die passende Größe beim Kauf seiner Sexpuppe gewesen zu sein. Dass er sich den Kauf vermutlich gut überlegt hat, lässt der Preis der Puppe erahnen: etwa 2000 Euro kostet ein Modell in dieser Größe. Dafür bekommen die Kunden eine Puppe, die aus einem gummi-artigen Material gefertigt ist, dass die Haptik menschlicher Haut und Muskeln nachempfinden soll. Wenn es Herrn Liu passt, verkleidet er seine Puppe im Stil der Kinderserie "Shaun das Schaf". Sie trägt dann schwaz-weiße Kleidung und hält ein Stofftier aus der Serie im Arm.

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Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, ist vor allem die langjährige Ein-Kind-Politik der kommunistischen Partei in China ein indirekter Grund dafür, dass der Verkauf von Sexpuppen so boomt. Durch die strikte Politik hat sich die Bevölkerung zu einem Ungleichgewicht hin entwickelt. Es gibt wesentlich mehr Männer als Frauen in China. Doch das erklärt noch nicht, warum sich Männer wie Herr Liu solch eine Puppe zulegen. Schließlich ist der 29-Jährige seit zehn Jahren verheiratet.

Im Internet treffen sich "Die Puppenfreunde"

Gegenüber AFP sagt er, dass er sich nunmal alleine fühle und der Erwerb einer Puppe doch wesentlich besser sei als wenn er sich eine heimliche Freundin suche oder zu einer Prostituierten ginge. So wie er denken wohl auch über 20.000 weitere Chinesen, die sich in einem Internetforum mit dem Namen "Die Puppenfreunde" austauschen. Wie Herr Liu im Gespräch mit der Nachrichtenagentur, sind die meisten Nutzer in dem Forum jedoch anonym unterwegs. Ein Umstand, der zu einem Teil auch der chinesischen Sexualmoral geschuldet sein könnte.

Das Jugendmagazin der Bundeszentrale für Politische Bildung, "fluter", schreibt in einer Reportage aus China, dass vor allem junge Menschen unter einer prüden Sexualerziehung leiden. Sie stünden demnach unter ständiger Überwachung durch Eltern, Lehrer und Unternehmen. Ein Schüler, der in der Reportage zu Wort kommt, erklärt etwa, dass er sich mit seiner Freundin immer nur in einem Hotel treffe. Wenn das Paar in der Schule offen die Beziehung kommunizieren würde, würde die Schule wohl schnell die Eltern informieren.

So lang dauert befriedigender Sex FOTO: RPO

Der Zwiespalt in der Sexualmoral

Doch während das Bildungssystem und Politiker die Enthaltsamkeit predigen, bietet der Blick auf das Geschäft rund um Erotik und Sexualität ein ganz anderes Bild. Der amerikanische Journalist Ronald Burger hat in seinem Buch "Hinter der Roten Tür" über die zwiespältige chinesische Sexualmoral geschrieben. Bei "Spiegel Online" spricht Burger davon, dass einer offiziellen Statistik aus dem Jahr 2010 zufolge etwa ein Fünftel aller jungen Chinesen bereits vor der Ehe sexuelle Erfahrungen gesammelt hätte. Zudem erlebe die Prostitution und das Geschäft mit zwielichtigen Massagesalons in den vergangenen Jahren großen Zulauf. Die Unterwanderung der Prüderie liege laut Burger auch daran, dass seit den späten 1970er Jahren eine allgemeine Liberalisierung stattfinde. So gebe es einen Rückbezug auf frühmittelalterliche Lehren, die im Yin und Yang das Spiel der Geschlechter sehen.

Doch wie Burger bei Spiegel Online sagt, liegt der Fokus in dieser Lehre eindeutig auf dem männlichen Geschlecht. Ob Herr Liu einer bestimmten Lehre folgt, erklärt er nicht gegenüber AFP. Doch dass es für ihn nicht ganz ohne menschliches Yin gehe, macht ein Zitat von ihm deutlich: "im Winter ist die Puppe kalt". Sie sei eben doch kein Ersatz für seine Frau.

(ac)
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