Blutige Unruhen: China weist Touristen aus Tibet aus
zuletzt aktualisiert: 16.03.2008 - 09:35Peking/Kathmandu (RPO). Nach den Unruhen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa haben chinesische Sicherheitskräfte ausländische Touristen aufgefordert, das Land zu verlassen. Für die Bewohner Lhasas galt ein Ausgehverbot, wie Augenzeugen berichteten. Immer wieder seien auch Schüsse zu hören gewesen. Nach Angaben der tibetischen Exilregierung wurden dabei mindestens 80 Menschen getötet.
Polizisten mit Schlagstöcken standen an Kontrollposten, Schützenpanzer rollten durch die Straßen. Ausländische Touristen wurden angewiesen, Lhasa zu verlassen. Die Unruhen in Tibet sind die schwersten seit 20 Jahren.
China will offenbar ungeachtet der internationalen Proteste gegen die blutige Niederschlagung der Proteste in Tibet weiter mit Härte reagieren. Gegen die Demonstranten werde barsch vorgegangen, erklärte der von Peking bestellte Vorsitzende der Regierung der autonomen Region Tibet, Champa Phuntsok, am Samstag. Offenbar soll aber größeres Blutvergießen verhindert werden, um die Olympischen Spiele in Peking im August nicht zu gefährden. IOC-Präsident Jacques Rogge sprach sich gegen einen Boykott der Spiele wegen der Unruhen in Tibet aus.
Berichte von mindestens 80 Toten
Seit Ausbruch der Unruhen seien in Lhasa mindestens 80 Leichen gezählt worden, sagte ein Sprecher des Dalai Lamas, Thubten Samphel. Mindestens 72 seien verletzt worden. Ein weiterer Mitarbeiter des Friedensnobelpreisträgers, Tenzin Takhla, sagte, allein am Samstag seien 26 Menschen in der Nähe des Drapchi-Gefängnisses in Lhasa getötet worden, drei weitere Leichen seien bei einer Moschee und mindestens zwei Menschen nahe dem Ramoche-Tempel getötet worden. Fünf Mädchen sei ein im zentralen Wohnviertel von Tibetern in Lhasa getötet worden.
UN-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour forderte Peking auf, den Demonstranten ihr Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu gewähren und keine "exzessive Gewalt" anzuwenden. Eine Sprecherin von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, dieser verfolge die Situation aufmerksam.
Bundeskanzlerin Angela Merkel rief angesichts der schweren Unruhen zu Gewaltverzicht und Dialog auf. "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen", erklärte Merkel. Sie forderte China zum Dialog mit dem religiösen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, auf. Dieser äußerte sich besorgt und rief die chinesische Regierung und seine Landsleute auf, keine Gewalt anzuwenden.
Nach amtlichen chinesischen Berichten sind Demonstrationen buddhistischer Mönche zum Jahrestag der Niederschlagung des Aufstandes der tibetischen Bevölkerung gegen die chinesische Herrschaft 1959 am Montag in Gewalt umgeschlagen.
China stellt Mönchen Ultimatum
Die Behörden in Tibet gaben den Demonstranten die Schuld am Tod "unschuldiger Menschen". Phuntsok sagte am Rande des Volkskongresses in Peking: "Wir haben nicht das Feuer eröffnet. Wir werden aber hart mit diesen Kriminellen umgehen, die diese Aktivitäten zur Spaltung der Nation ausführen." Allen Demonstranten, die sich bis Dienstag stellen, wurden mildernde Umstände in Aussicht gestellt.
Die Olympischen Sommerspiele seien durch die Unruhen nicht gefährdet, sagte ein Sprecher des Organisationskomitees BOCOG, Sun Weide. Auch der Fackellauf, bei dem das olympische Feuer auf den Mount Everest getragen werden soll, werde wie geplant stattfinden.
Der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge kehrte in Lhasa am Samstag wieder Ruhe ein. Urlauber berichteten von einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften. Die gesamte Stadt sei regelrecht stillgelegt, berichtete ein 23 Jahre alter Ausländer. Ein weiterer Tourist, Plooij Frans, der Lhasa am Samstag verließ, erklärte, binnen 24 Stunden seien rund 140 Lastwagen mit Soldaten nach Lhasa gekommen.
Weltweite Demonstrationen gegen China
In der westchinesischen Stadt Xiahe ging die Polizei mit Tränengas gegen Sympathisanten der demonstrierenden Mönche in Tibet vor. Augenzeugen zufolge zogen hunderte Menschen vom Kloster Labrang nach Xiahe, die Gruppe griff Verwaltungsgebäude an. Nach Angaben der in London ansässigen Gruppe Free Tibet wurden 20 Menschen festgenommen.
In Australien setzte die Polizei Medienberichten zufolge Schlagstöcke und Pfefferspray gegen Demonstranten vor dem chinesischen Konsulat in Sydney ein. Auch in Indien und der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu kam es zu Protesten.
In New York haben hunderte Exiltibeter am Samstag vor dem chinesischen Konsulat gegen die blutigen Unruhen demonstriert. Aus zunächst ungeklärten Gründen kam es kurzzeitig zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Die Demonstration wurde anschließend friedlich fortgesetzt.
In der Schweiz protestierten vor dem chinesischen Konsulat in Zürich hunderte Menschen, darunter viele Exil-Tibeter. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, als einige Demonstranten das Konsulat stürmen wollten.
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