| 18.59 Uhr

Grünen-Politikerin in Istanbul
Claudia Roth: "Das ist wie im Krieg"

Polizei räumt Gezi-Park mit Tränengas und Wasserwerfern
Polizei räumt Gezi-Park mit Tränengas und Wasserwerfern FOTO: dpa, Tolga Bozoglu
Istanbul. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat in Istanbul entsetzt miterlebt, wie das Protestlager am Taksim-Platz von der Polizei geräumt wurde. "Das ist wie im Krieg", sagt sie. Roth bekam selbst Tränengas in die Augen.

"Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengas-Granaten auf die Menschen", sagte die Parteivorsitzende der Grünen am späten Samstagabend der Nachrichtenagentur dpa in Istanbul.

Bei Twitter kursiert ein Foto, das die Politikerin zeigt, wie sie mit den Folgen des Tränengases zu kämpfen hat. Ihr Gesicht ist rot und geschwollen.

 

 

Dem Sender N24 berichtete Roth, sie habe sich mit Aktivisten in ein Hotel geflüchtet, das seine Türen für die Demonstranten geöffnet habe. Die Polizei habe dann auch im Inneren des Gebäudes Tränengas versprüht.

"Das fühlt sich an, als würde man vergiftet", berichtet Roth. "In einem großen Festsaal in dem Hotel war eine Art Lazarett, da waren viele Ärzte und viele Verletzte." Es sei klar gewesen, dass es sich um eine Ambulanz handele. Dennoch habe die Polizei weiter Tränengas versprüht. "In einer Kriegssituation wäre das ein Kriegsverbrechen", sagte Roth N24.

Roth sprach mit den Protestierenden in dem seit zwei Wochen besetzten Gezi-Park, als der Polizeieinsatz begann. Die Stimmung in dem Protestlager sei zuvor friedlich gewesen, betonte sie.

"Schlimmstes Erlebnis" ihres Lebens

Nach dem Vorfall sprach sie am Sonntag mit zahlreiche Medien. Gegenüber dem Sender Phoenix bezeichnete sie die Geschehnisse als "schlimmstes Erlebnis" in ihrem Leben. Die europäischen Staaten forderte sie auf, enger an die demokratischen Kräfte in der Türkei heranzurücken. "Ich habe eine Vorstellung davon bekommen, was Krieg sein kann. Wenn auf Leute geschossen wird, wenn sie gejagt werden, wenn sie mit Chemikalien im Tränengas vergiftet werden, dann hat dies alles zu tun mit einem Krieg gegen die demokratische Türkei", erklärte die Grünen-Vorsitzende. Polizeikräfte seien sogar in Hotelräume eingedrungen und hätten Krankenstationen angegriffen. "Einen so gewalttätigen Angriff habe ich noch nie erlebt", so Roth. Niemand der friedlichen Demonstranten habe mit diesem Angriff rechnen können.

Als politische Konsequenz der Geschehnisse verlangte Roth eine schärfere Gangart der EU gegen den türkischen Regierungschef Erdogan, warnte aber davor, sich nunmehr von der Türkei abzuwenden. "Erdogan hat die demokratischen Menschen- und Freiheitsrechte mit Tränengas und Wasserwerfern zusammengeschlagen und zusammengeschossen. Aber das ist nicht die Türkei. Die neue Türkei ist die selbstbewusste Zivilgesellschaft", äußerte sich die Grünen-Politikerin. Diese aufgeschlossenen und demokratischen Kräfte gelte es jetzt nachdrücklich zu unterstützen. Wenn Europa als Folge Brücken abbaue, schade dies dem Demokratisierungsprozess.

Aktivisten sprechen von hunderten Verletzten

Bei der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parkes sind nach Angaben der türkischen Protestbewegung hunderte Menschen verletzt worden. Die Polizei habe ihren Einsatz mit einer Gewalt wie im Krieg geführt, kritisierte die Taksim-Plattform, die zu den wichtigsten Organisatoren der Proteste gehört.

Die Gruppe wertete den Einsatz von Gummigeschossen, starkem Tränengas und Schockgranaten zu einer Zeit, zu der auch viele Frauen mit Kindern und ältere Menschen im Park waren, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie verlangte, die Polizei müsse auch aufhören, die Arbeit von Ärzten zu behindern, die den Demonstranten freiwillig helfen.

Die Organisation erklärte, die Gewalt werde die Proteste im Land nicht stoppen können. Am Sonntagmorgen gab es weitere Auseinandersetzungen. Die Polizei habe eine Gruppe Demonstranten von der Einkaufsstraße Istiklal aus verfolgt, berichtete ein Augenzeuge.

Am frühen Sonntagabend will die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ihre Anhänger in Istanbul zu einer Kundgebung versammeln.

(dpa/jco/hüls/ac/pst)
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