Früherer KZ-Aufseher: Demjanjuk gab sich als Nazi-Opfer aus
zuletzt aktualisiert: 21.04.2009 - 15:09Berlin/Washington (RPO). Der frühere KZ-Aufseher John Demjanjuk hat sich nach Kriegsende als Nazi-Opfer ausgegeben. Wie aus Dokumenten des Internationalen Suchdienstes im hessischen Bad Arolsen hervorgeht, ließ sich der heute 89-Jährige wie ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter als sogenannte Displaced Person registrieren. Das US-Justizministerium bemüht sich unterdessen um eine Beschleunigung des Abschiebungsverfahrens gegen Demjanjuk.
In einem Antragsformular der damals zuständigen internationalen Flüchtlingsorganisation IRO vom 3. März 1948 gab Demjanjuk an, im NS-Vernichtungslager Sobibor im damals von Deutschland besetzten Polen für 40 Zloty als Fahrer gearbeitet zu haben. Später sei er nach Deutschland deportiert worden. Seine SS-Mitgliedschaft und KZ-Verbrechen in Sobibor ließ er dagegen unerwähnt. Die Frage, ob er in Deutschland bleiben wolle, verneinte Demjanjuk und gab an, nach Argentinien oder Kanada ausreisen zu wollen.
In den Archiven des vom Internationalen Komitees vom Roten Kreuz geleiteten Internationalen Suchdiensts befinden sich auch ein Flüchtlingsausweis Demjanjuks mit Foto und Fingerabdrücken, Registrierungskarten aus zehn deutschen Flüchtlingslagern, in denen Demjanjuk bis 1952 lebte, eine Quittung über 80 D-Mark vom Tag der Währungsreform und medizinische Berichte über den gebürtigen Ukrainer. Eine Passagierliste dokumentiert die Auswanderung Demjanjuks mit Frau und Tochter im Januar 1952 an Bord des Schiffes "General Haan" in die USA. Auf den Unterlagen ist immer Demjanjuks ursprünglicher Vorname Iwan aufgeführt.
Die "Bild"-Zeitung, die am Dienstag als erste von den Dokumenten berichtet hatte, zitierte den Gießener Historiker Hans-Jürgen Bömelburg mit den Worten, Demjanjuk sei "kein Einzelfall". Zehntausende Kollaborateure hätten sich als Zwangsverschleppte ausgegeben, um unterzutauchen.
USA drängen auf baldige Abschiebung
Das US-Justizministerium erklärte unterdessen am Montag in Washington, den 89-Jährigen möglichst bald ausweisen zu wollen und forderte die Annullierung des Einspruchs, mit dem Demjanjuk eine neue Frist für seine Ausweisung erreicht hatte. Demjanjuk habe "mit zahlreichen Hinhaltetaktiken" versucht, seine Abschiebung zu verhindern. Es gebe jetzt keinen Grund mehr, eine Ausweisung nach Deutschland aufzuschieben.
Ein Berufungsgericht in Cincinnati hatte dem 89-Jährigen am Donnerstag eine Frist bis zum 23. April für eine gründliche ärztliche Untersuchung eingeräumt. Dabei solle geklärt werden, ob Demjanjuk die gesundheitlichen Voraussetzungen für einen Flug nach Deutschland erfülle. Demjanjuks Anwälte argumentieren, der 89-Jährige sei zu krank, um den Transport nach Deutschland und einen Prozess durchzustehen. Am vergangenen Dienstag hatte das Berufungsgericht in Cincinnati Demjanjuks Ausweisung praktisch in letzter Minute gestoppt, um diese Argumente zu prüfen. Der gebürtige Ukrainer war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zum Flughafen gewesen.
Demjanjuk wird Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen zur Last gelegt. Er soll 1943 für ein halbes Jahr zu den Wachmannschaften des NS-Vernichtungslagers Sobibor gehört haben. Demjanjuk muss sich in München vor Gericht verantworten, da er vor seiner Auswanderung in die USA in der Nähe der bayerischen Landeshauptstadt lebte.
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