Estland: Denkmal-Streit: Blutige Krawalle in Tallinn
zuletzt aktualisiert: 27.04.2007 - 14:59Tallinn (RPO). In der estnischen Hauptstadt Tallinn ist es in der Nacht zu blutigen Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Ein Mensch kam dabei ums Leben, 46 weitere wurden verletzt. Hintergrund ist ein umstrittenes sowjetisches Kriegerdenkmal.
Rund 300 Personen wurden festgenommen. Unter dem Schutz der Dunkelheit ließ die Regierung den "Bronzenen Soldaten" am frühen Morgen aus dem Zentrum der Hauptstadt Tallinn entfernen.
Die Ausschreitungen zwischen den rund 1.500 Demonstranten und der Polizei begannen am Donnerstagabend nach zunächst friedlichen Protesten. Als die Polizei begann, den Platz in der Hauptstadt zu räumen, flogen Steine und Flaschen. Fenster des nahe gelegenen Büros der Reformpartei von Ministerpräsident Andrus Ansip wurden eingeworfen. Einige Demonstranten plünderten mehrere Geschäfte in der Umgebung, andere beschädigten mutwillig Läden. Rund ein Drittel der 1,3 Millionen Esten sind russischer Herkunft.
Die Regierung will zudem ein in der Nähe des Denkmals vermutetes Grab von 14 sowjetischen Soldaten verlegen. Die Exhumierung der Toten hat bislang aber nicht begonnen. Die Behörden rechnen während der auf zwei Wochen angelegten Arbeiten mit weiteren Protesten.
Das zwei Meter hohe Denkmal wurde 1947 zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland errichtet. Viele Esten sehen darin aber eine Erinnerung an die fünf Jahrzehnte währende sowjetische Besetzung ihres Landes sowie der beiden Nachbarstaaten Lettland und Litauen.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow nannte das Vorgehen der estnischen Behörden "entsetzlich". Tallinn sei für die Spannungen verantwortlich. Ein Sprecher Lawrows bezeichnete die Entfernung des Denkmales als "blasphemisch" und "unmenschlich". "Wir bereiten eine konkrete Reaktion auf diese Ereignisse vor", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Interfax. Internationale Organisationen müssten "die notwendigen Schritte unternehmen, um den Eifer der estnischen Behörden zu drosseln", forderte der Sprecher laut RIA Nowosti.
Der Präsident des russischen Oberhauses, Sergej Mironow, forderte den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Estland. "Die Beleidigungen der Toten müssen aufhören", sagte Mironow. Der Föderationsrat billigte eine entsprechende Resolution. Auch das Unterhaus verabschiedete ein Resolution, in der die Abberufung des russischen Botschafters in Tallinn und weitreichende Finanz- und Wirtschaftssanktionen gegen das Nachbarland gefordert wurden. Estland hat eine große russische Minderheit. Etwa zwölf Prozent der 1,4 Millionen Esten sind russischstämmig.
Während das Denkmal viele Esten an 50 Jahre sowjetischer Besatzung erinnert, sehen es viele Russen als Zeichen des Sieges der Roten Armee über das nationalsozialistische Deutschland und der Befreiung Estlands. "Mein Großvater kämpfte gegen den Faschismus und jetzt führt Estland einen politischen Krieg gegen unser Land", sagte der 23-jährige russische Demonstrant Sergej Below.
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